Chile: Am Ort der Liebe und der Grausamkeit

Wo Pinochets Schergen folterten und die Häftlinge sich trotzdem ihre Menschlichkeit bewahrten.

Es ist ein Ort, an dem Lelia Perez Valdez viel verloren hat. Ihr Kind, ihre Würde. Und beinahe ihr Leben. Trotzdem ist sie zurückgekommen. Weil diejenigen, die davongekommen sind, davon erzählen müssen. „Solange jemand zuhört, bleibt die Erinnerung“, sagt sie. Es ist beinahe 40 Jahre her, dass die Schergen Pinochets die damals 18-jährige Leila in die Villa Grimaldi verschleppten, dem Folterzentrum am Rande von Santiago de Chile.

Folteropfer Lelia Perez Foto Carolin Kronenburg

Folteropfer Lelia Perez Foto Carolin Kronenburg

Zehntausende Menschen verschwanden während der Diktatur in den Lagern, mehrere tausend überlebten es nicht, von vielen fehlt bis heute jede Spur. Vielleicht hat man sie ins Meer geworfen, vielleicht irgendwo verscharrt. Die Aufarbeitung der Verbrechen hat in Chile erst begonnen, fast die Hälfte der Chilenen behaupte immer noch, dass nichts passiert sei, sagt Leila Perez Valdez.

Sie weiß es besser, sie hat es selbst erlebt. Genau an diesem Ort, der früher mal eine Finca war und heute eine Gedenkstätte und an dem die Vögel so laut zwitschern, dass es beinahe zynisch klingt bei all den Grausamkeiten. Leila, 18 Jahre und schwanger, brachten sie ins Lager, weil sie Mitglied der kommunistischen Partei war. Inmitten von Bäumen und blühenden Blumen steht heute eine hölzerne Zelle, nicht größer als eine Duschkabine. In solche Zellen wurden damals fünf Frauen auf einmal gepfercht, erzählt Leila, tagelang, nur zum Toilettengang einmal täglich, zum Essen und zur Folter durften sie heraus. Sitzen oder gar schlafen, konnte immer nur eine. „Das funktionierte nur, weil wir einander liebten“, sagt sie und beschreibt eine schier unglaubliche Solidarität unter den Häftlingen. Wer von der Folter kam, also beispielsweise auf einem metallenen Bettgestell mit Stromstößen malträtiert wurde, dem stand nachher der Sitzplatz zu. Solche Erlebnisse, erzählt die Frau mit fester Stimme, hätten sie die ganze Zeit wissen lassen, dass sie immer noch Menschen gewesen seien. Wie solche behandelt wurden sie nicht.

Ihr Ehemann war auch im Lager, aber miteinander sprechen durften sie nicht. Kommuniziert haben sie dennoch. Er habe ein Lied gepfiffen, erzählt sie, und zwar eines, dass sie überhaupt nicht mochte. Aber so konnte er sicher sein, dass sie ihn erkennen würde. Das tat sie. So wusste sie, dass er noch am Leben war.

Sie selbst dachte nicht immer, dass sie es überleben würde. Die Schmerzen, die Erniedrigung, die völlige Ignoranz menschlicher Würde. „Es gibt Momente, in denen man das Leben loslassen kann“, sagt sie. An einem solchen war sie schon. Damals rettete sie der Ruf eines Freundes, der neben ihr eingesperrt war.

Gerne geht Leila Perez Valdez nicht über das Gelände, auch wenn von den originalen Folterplätzen keiner mehr erhalten ist. Pinochets Vollstrecker wollten ihre Spuren verwischen. Weil es ihnen nicht gelingen soll, ist Leila Perez Valdez trotzdem da. Weil sie ihre Geschichte erzählen muss. Die von den Grausamkeiten derer, die immer noch nicht dafür verurteilt sind. Und die von der Solidarität unter den Opfern. Die es deswegen gab, glaubt Leila Perez Valdez, weil der Mensch immer die Wahl hat.

Katja Auer

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.