Chile: Anflug auf Mapucheland

„Bitte schnallen Sie sich jetzt an, wir werden in den nächsten Minuten die Anden überfliegen!“ Die freundliche Stimme der Stewardes ist kaum verklungen, da sehen wir durch das kleine Fenster bereits die mächtige Bergkette am Horizont auftauchen. In etwa auf Höhe der argentinischen Stadt Mendoza setzen wir zum Sprung über die Anden an.

Bald schon ziehen unter uns die mit Schnee bedeckten Bergketten vorbei. Selbst jetzt im Spätfrühling herrscht hier noch der Winter. Nach gut 20 Minuten senken sich die Bergketten einem Hochplateau entgegen, auf dem die ersten Häuser Santiago de Chiles auftauchen. Pastelltöne zieren das Bild, ein leichtes Gelb, Braun und hier und da auch Grün. Wir setzen zur Landung an. Willkommen in Chile, willkommen im Land der Mapuches. In den nächsten zwei Wochen werden wir eintauchen in die Kultur dieses Landes, dessen Geschichte massgeblich auch die Geschichte der Mapuche ist.

Die Grenzregion Chiles mit Argentinien war das traditionelle Siedlungsgebiet der indigenen Mapuches, ein stolzes Volk von wehrhaften Menschen, die in ihrer Geschichte stets um ihr Land und ihre Unabhängigkeit gekämpft haben. „Mapuche“ bedeutet „Menschen der Erde“, und ihre Erde zog sich einst über ein Gebiet von bis zu 1.500 Kilometern Ausdehnung. Teile davon verloren sie an die spanischen Conquistadores, die Mitte des 16. Jahrhunderts hier ankamen. Doch dem Vordringen der Europäer Richtung Süden trotzten die Indigenen und blieben das einzige Volk, dass sich im spanischen Territorium Lateinamerikas den Soldaten der Krone erfolgreich widersetzte.

Heute leben wohl noch zwischen 1 und 1,5 Millionen Mapuches in Chile. Genau Zahlen gibt es nicht. Gut die Hälfte von ihnen, so schätzt man, lebt in der Haupstadt Santiago, hauptsächlich in den armen Vierteln der Peripherie. Dorthin machen wir uns auf. Im Stadtteil Cerro Navia heißt uns wenig später eine Gruppe von Mapuches in der kleinen Kapelle San Alfonso willkommen. „Danke dass Ihr hergekommen seid,“ sagt man uns und überreicht uns Blumen. Einige Mapuchefrauen haben ihre traditionelle Tracht angelegt, inklusive des in Handarbeit angefertigten Schmucks aus Silber und Alpaca. Padre Luis Manuel Rodriguez, den hier alle nur „Lucho“ nennen, begrüßt uns.

Einmal im Monat hält Padre Rodriguez in Cerro Navia eine Messe für die indigene Bevölkerung ab. „Fast 400 Jahre lang war das Mapucheland das Herz von Chile, und das haben die Spanier niemals erobern können,“ erzählt er. „Erst Ende des 19. Jahrhunderts endete ihr Unabhängigkeitsstatus, und danach haben sie sich über das Land zerstreut, die sozialen Kontakte der einzelnen Stämme gingen verloren. Aber in den letzten Jahren haben sie begonnen, ihre eigenen Wurzeln und Traditionen wieder höher zu schätzen.“

Ob wir uns kurz vorstellen könnten, die Gemeinde würde gerne mehr über uns erfahren, bittet uns Padre Rodriguez. Ein jedes unserer Worte wird mit Applaus und Musik erwiedert, Trommeln , Glocken und indigene Blasinstrumente sorgen für den beeindruckenden Klangteppich. Dann reihen wir uns in den Tanz der Mapuche ein. Vier Schritte nach vorne, vier Schritte zurück, eine sanfte Bewegung vor und zurück, die „das Rollen der Welle im Meer symbolisieren“, wie man uns erklärt.

„Wir wollen erreichen, dass die Mapuches stolz empfinden, wenn sie ihre Sprache sprechen, ihre Religion ausüben und konform ihrer Kosmovision, ihres Weltbildes leben,“ erklärt Veronica Perez von der Mapuchepastoral der katholischen Kirche in Santiago ihre Aufgabe. Ihre Großmutter war Mapuche, gleichzeitig ist sie als Katholikin aufgewachsen. Zwei Welten, die in Chile zusammengehen. Viele Gebräuche der Mapuches seien den katholischen Ritualen ähnlich, erklärt sie. „Wir wollen eine Brücke zwischen den beiden Welten sein.“ Ob sie in ihrem Alltag eine Diskriminierung spüre? „Ja, das basiert auf der Ignoranz vieler Menschen, die in uns lediglich Vagabunden und Banditen sehen.“

Die Rhythmen der Messe liegen uns noch in den Ohren als wir wenig später durch die prachtvollen Straßen Santiagos gehen. Chiles Haupstadt wirkt modern und aufgeräumt, die Menschen im Zentrum erscheinen europäisch. Das moderne Chile sei eine Leistungsgesellschaft, in der der äußere Schein hoch angesehen wird, hatte uns Veronica Perez erzählt. Indigene in Trachten würden da für viele Menschen störend wirken, erklärte sie. Wir freuen uns darauf, in den nächsten zwei Wochen mehr zu erfahren.

Text: Thomas Milz

Fotos und Video: Jürger Escher