Chile: Durch das Mapucheland

Seitdem wir in Concepcion den Bio-Bio-Fluss überquerten, sind wir in dem traditionellen Siedlungsgebiet der Mapuche unterwegs. Bis 1881 widerstanden die Mapuche den spanischen und nach der Unabhängigkeit chilenischen Bemühungen, südlich des mächtigen Flusses zu siedeln. Erst danach begann die Besiedlung Südchiles. Bis heute akzeptieren die Mapuche ihre darauf folgende Entmündigung nicht.

Die Polizei räumt eine blockierte Straße im "Mapuche-Land".

Unser Wagen muss stoppen, vor uns ist die Straße blockiert. Mapuche haben einige der riesigen Eukalyptusbäume entlang der Straße gefällt und diese damit blockiert. Die Polizei ist mit gepanzerten Fahrzeugen vor Ort, es könnte zu Zusammenstößen mit Mapuche kommen, die im Widerstand gegen die Regierung aktiv sind, meint unser Fahrer. Doch wir sehen erst einmal nur Polizisten, die mit Motorsägen die Straße wieder freizugeben bemüht sind.

Als die Straße wieder frei ist folgen wir ihr weiter südlich Richtung Temuco. Die Region heisst Araukanien, nach dem beeindruckenden Araukarienbäumen benannt, die den Mapuche heilig sind. Kaum einer steht noch auf den Hügeln links und rechts der Straße. Der Primärwald wurde vor langer Zeit abgeholzt und dafür Pinien und Eukalyptus gepflanzt. Diese verbrauchen für ihr ungewöhnlich schnelles Wachstum derart viel Wasser, dass das Grundwasser in der einst an Wasser reichen Region dramatisch abgesunken ist.

Das schnell nachwachsende Holz wird für die Zelluloseproduktion gebraucht. Diese ist in der Hand der Großindustrie, die das Gut nach China exportiert, wo die Zellulose in Bücher und anderes Druckmaterial weiter verarbeitet wird. Globalisierung pur! Als wir um die nächste Kurve kommen, qualmt vor uns der Pinienwald. Die Polizei ist auch schon da. Leute aus dem Widerstand zünden immer wieder die Wälder aus Protest gegen die Allmacht der Wirtschaftsbosse an. Chile sei in den Händen einiger weniger Familien, haben uns viele unserer Interviewpartner in den letzten zwei Wochen versichert.

Wie kann man sich dagegen wehren? Immer wieder organisieren Mapuche Aktionen gegen die Ausbreitung der Großindustrie in ihrem Land. Zwar leben heute gut 60% der etwa 1,5 Millionen Mapuche in den Städten. Doch für die immer noch auf dem Land und von der Landwirtschaft lebenden Familien wird es immer schwerer, ihren ruralen Lebensstil weiter zu leben. Viele Jugendliche verlassen das Land, um für sich eine Zukunft in den Großstädten zu suchen.

„Nur noch gut 5% aller Jugendlichen sprechen überhaupt noch unsere Sprache,“ erzählt uns ein Mapuchebauer, der uns in seine bescheidene Hütte eingeladen hat. „Unsere Väter haben aus Angst vor der Repression mit uns nur Spanisch gesprochen. Willst Du unsere traditionelle Sprache hören, musst Du mit den Großvätern reden.“ Besonders in der Pinochet-Zeit gaben es viele Mapuche auf, ihre Traditionen aufrecht zu erhalten. Erst in den letzten Jahren wächst das Bewusstsein der indigenen Völker in Chile wieder.

Mapuche-Territorium

Eine neue Gesetzgebung sieht die Bewahrung der traditionellen Kulturen vor. Doch manche meinen, dass es bereits zu spät sei. Kaum noch lassen sich Lehrer finden, die die Ursprachen überhaupt noch unterrichten können. Zudem haben viele Mapuche das verinnerlicht, was ihnen die weißen Siedler seit Jahrhunderten eingehämmert haben: indigene Traditionen sind ein Zeichen von Rückschrittlichkeit, modern heisst Spanisch zu sprechen und nach westlichem Standard zu leben.

Am schlimmsten sei die Diskriminierung im eigenen Kopf, erklärt uns ein Mapuche. Wir kommen in die Nähe von Temuco, unserer nächsten Station. An ein von der Kirche außerhalb der Stadt errichtetes Gebäude haben Aktivisten ihre Message gesprüht: Mapuche Territorium! Der Widerstand geht weiter, so scheint es. Ob die Jahrtausende alte Kultur eine Chance auf Überleben hat? Die nächsten Jahre werden es zeigen…

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher