Chile: Ein Vulkan zum Abschied

Berge und Schnee mitten im Frühling – von unserer letzten Station Temuco aus sind wir hoch in die Berge Richtung argentinische Grenze aufgebrochen. Bald schon erheben sich die ersten Ausläufer der Anden vor uns, wir kommen durch deutsch aussehende Dörfer. Später erfahren wir, dass ein deutscher Priester hier versuchte, Altöttingen nachzubauen. Die Welt ist voller Überraschungen….

Der Vulkans Llaima im Nationalpark Conguillio.

Die ersten Canyons inmitten von pechschwarzer Erde – Magma, die über die letzten Jahrhunderte hier abkühlte. Wir sind am Fuße des Vulkans Llaima im Nationalpark Conguillio. Die Kraterspitze auf über 3.100 Metern Höhe liegt in den Wolken, die bedrohlich schnell aufziehen. Das Wetter wechselt hier oben oft binnen Minuten, Bergwanderer werden überrascht und verirren sich in den Nebelschwaden. Derzeit sucht die Polizei nach drei Wanderern, die seit 17 Tagen verschollen sind. Ohne viel Hoffnung auf ein Happy End.

Im Jahre 2008 erfolgte der letzte große Ausbruch des Llaima, Dutzende Wanderer konnten damals erst nach Tagen gerettet werden, und über Monate regnete Asche auf die Region nieder. Kein freundlicher Platz zum Leben. Trotzdem treffen wir immer wieder auf Siedlungen, meist von Mapuche bewohnt. Man hatte viele von ihnen während der Diktatur hier zwangsweise angesiedelt, weit weg von ihrem traditionellen Siedlungsgebiet. Manche sind nach der Redemokratisierung wieder weggezogen, andere trotzen den Meter hohen Schneeschichten des harten Winters und der ständigen Gefahr durch den Vulkan.

Die Lehrerin Pamela del Carmen Tripailaf Lefio.

In den magischen Nebelwäldern des Parks treffen wir auf eine Schulklasse aus Temuco. Pamela del Carmen Tripailaf Lefio, eine junge Lehrerin, ist mit ihren Schülern auf einem Ausflug. Allesamt Mapuche, auch Pamela selber. Im nächsten Jahr wird sie als Aktionsgast von Adveniat Deutschland besuchen. Aber jetzt erst einmal tourt sie mit ihrer Klasse durch die Wälder Südchiles.

Respekt vor der Natur mögen die Kinder haben, bittet sie sie, keinen Müll wegschmeißen, ein wenig respektvolle Stille beim Gang durch den Wald. Harmonie mit der Natur ist wesentlich für die indigenen Mapuche, sie bitten um Erlaubnis, wenn sie die Natur betreten. Selbstverständlichkeiten gibt es nicht, alles hängt zusammen in einem empfindlichen Balancespiel.

Ein Vulkan ist kein unbedeutender Ort für die Mapuches. Vulkanausbrüche wie der von 2008 sind ihrem Glauben nach Ausdruck fehlender Harmonie zwischen den einzelnen Elementen der Natur, genau wie Erdbeben und Tsunamis, wie der letzte Anfang 2010. Während die Erde zu beben begann und haushohe Meereswellen auf die Küste zurollten, versammelten sich die Mapuche auf den Hügeln der Küste und hielten ein Ritual zur Besänftigung der aufgebrachten Natur ab. Chaos ist stets zu vermeiden, und wenn dies nicht möglich ist, muss man es immerhin zu besänftigen versuchen.

Sobald wir aus dem Wald zurück an den Autos sind, setzt heftiger Regen ein. „Glück gehabt, dass wir trocken geblieben sind,“ meint Pamela. Glück braucht man halt. Wir sagen Adios, zwei Wochen Chile sind vorbei. Über Santiago geht es weiter nach Rio de Janeiro, in die brasilianische Metropole gut 3.000 Kilometer weiter im Nordosten. Dafür geht es zuerst über die Anden, „Bitte anschnallen während wir die Berge überfliegen,“ tönt es aus dem Bordlautsprecher. Das Flugzeug rumpelt ein wenig, die Anden liegen unter dichten Wolken. Dann sind wir über der argentinischen Tiefebene, Chile liegt hinter uns.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher