Chile: Immer Richtung Sonne

Ein Mapuche-Mädchen aus der Schule von Lehrerin Pamela.

Ein Mapuche-Mädchen aus der Schule von Lehrerin Pamela.

Immer Richtung Sonne. Die Mapuche, die indigenen Ureinwohner Chiles, feiern ihre Zeremonien immer Richtung Sonne. Gut, dass sie scheint an diesem Tag im sonst noch recht kühlen Frühling im südlichen Chile, gefroren haben wir schon genug. Es klingt fremd in unseren Ohren, wenn ein Lonko, ein Oberhaupt einer Mapuche-Gemeinschaft, in die hornähnliche Trutruca bläst und die Machi, die Priesterin und Heilerin, die Kultrun schlägt, die Trommel. Dazu Gebete und Gesänge in Mapudungun, der Sprache der Mapuche. Um die zu lernen, muss man einen alten Mann auf den Mund küssen, hat uns ein 84-Jähriger erklärt. Naja, vielleicht lerne ich doch erst was anderes.

Machi (Priesterin und Heilerin) Silvia Ilan Quileo Quilaman

Machi (Priesterin und Heilerin) Silvia Ilan Quileo Quilaman

Sie habe geträumt, dass wir kommen, sagt Machi Silvia Ilan Quileo Quilaman. Wir sind willkommen und dürfen mitfeiern. Lonko Carlos Pehuenche Lillo sprengt Wasser auf den Altar, weil es für das Leben steht und wirft Getreide darauf, weil es die Menschen und ihre Tiere ernährt. Kachilla heißt der Brei aus gekochtem und grob gemahlenem Weizen, den die Mapuche zu kleinen Teigfladen formen und ungebacken essen.

Die gibt es auch anschließend, denn wie immer in Chile, gibt es schon wieder etwas zu essen. Fleisch natürlich. Die Chilenen lachen, wenn man sie fragt, ob es eigentlich auch Vegetarier gibt in diesem Land. Bei den Mapuche gibt es Pferd. Also gut, dieser unglaublichen Gastfreundschaft wegen. Und, zugegeben, es schmeckt.

Immer wieder werden wir eingeladen, denn was sie haben, das teilen sie gerne, erklärt mir eine alte Frau. So sei das eben bei den Mapuche. Dabei gibt es viele unter den Ureinwohnern, die nicht besonders viel haben. Die Mapuche zählen zur ärmeren Gesellschaftsschicht Chiles, wo sich das Vermögen, das durchaus vorhanden ist, wenige Reiche teilen. Die Mapuche dagegen kämpfen um ihr Land, das sie bewirtschafteten und sogar gegen die spanischen Eroberer verteidigten, bis sie die chilenische Armee Ende des 19. Jahrhunderts schließlich davon vertrieb. Heute gehört es der Holzindustrie und ein paar wenigen Großgrundbesitzern. Die Ureinwohner fühlen sich betrogen, weil sie mit weniger fruchtbaren Äckern entschädigt wurden und noch dazu oft keinen Zugang zum privatisierten Wasser haben, um damit ihre Felder zu bewässern. Das ist besonders tragisch für dieses Volk, das sich „Menschen der Erde“ nennt und im Einklang mit der Natur leben will. Weil das vielerorts nicht mehr geht, sind die meisten Mapuche auf der Suche nach Arbeit längst in die Hauptstadt Santiago gezogen.

Lehrerin Pamela unterrichtet die Kinder zweisprachig.

Lehrerin Pamela unterrichtet die Kinder zweisprachig.

Die Gemeinschaft um Machi Silvia und Lonko Carlos ist noch da. Und viele andere auch. In den vergangenen Jahren ist bei den Mapuche ein neues Selbstbewusstsein entstanden. Wo eine Generation früher die Menschen noch darauf achteten, sich nicht als Indigene zu bekennen, weil sie Diskriminierung fürchteten, sind die Jungen heute stolz auf ihre Herkunft.

In der kleinen Schule in Dehuepille werden 95 Mapuche-Kinder in einer traditionellen Hütte, einer Ruka, zweisprachig unterrichtet – auf Spanisch und Mapudungun. „Für mich ist es wichtig, den Kindern ihre Identität näherzubringen“, erklärt Lehrerin Pamela del Carmen Tripailaf Lefio. „Ich sage ihnen, dass es ein Plus ist, Mapuche zu sein.“ Im November kommt sie zur Eröffnung der Adveniat-Aktion nach Deutschland. Dann will sie den Leuten erzählen, dass die Mapuche ein lebendiges Volk sind. „Nicht etwas, dass es nur in Büchern gibt.“

Katja Auer, Süddeutsche Zeitung
Fotos: Carolin Kronenburg

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.