Chile: Jagdszenen rund um die Plaza Italia

Wie ich bereits im letzten Blog erwähnte, liegen die Dinge in Santiago ein wenig ernster als anderswo. Während wir am Vormittag Interviews mit Studenten an der Universidad de Chile drehten, erhielten wir den Hinweis, dass Schüler gegen 12 Uhr eine Demo an der Plaza Italia geplant hatten. Es ginge um den kostenlosen Zugang zu Schulen, die über ein gehobenes Niveau verfügen, sagte man uns. Ein spannendes Thema in Chile, sah man hier doch in den letzten Jahren eine zunehmende Privatisierung des Bildungssektor bei gleichzeitig abnehmendem Unterrichtsniveau.

An der von der Polizei großräumig abgesperrten Plaza hatten sich bereits gut 500 Schüler versammelt, Spruchbänder gaben die Richtung vor: „Wenn sie uns nichts träumen lassen, lassen wir sie halt nicht zur Ruhe kommen“, so die eindeutige Mahnung an die bereit stehenden Ordnungskräfte. Wenig später stand man sich Auge in Auge gegenüber, minderjährige Schüler und gepanzerte Polizeikräfte. Als die ersten Flaschen und Steine auf die Polizisten niederregneten, eröffneten diese die Jagd.

Mit Schlagstöcken und Plastikschilden ausgestattet, stürmten sie den davonlaufenden Jugendlichen hinterher. Was folgte, waren Szenen wie man sie vielleicht nur aus Aktionfilmen kennt. Die teils vermummten Schüler griffen gepanzerte Fahrzeuge der Polizei mit Steinen und Eisenstangen an, diese erwiderten die Aggressionen mit dem Einsatz von mehreren Wasserwerfern und Hetzjagden per Motorrad und Fahrzeugen durch die Parkanlagen mitten in der Innenstadt der chilenischen Hauptstadt. Immer nahe am Geschehen: die lokale Presse, die später von einer nicht genehmigten Demo sprach, die von 200 Gesetzlosen angezettelt worden wurde.

Wir beobachteten die Verhaftung von mindestens 4 Jugendlichen, laut Presse waren es jedoch noch mehr. Polizisten filmten die Proteste, während kleine Einsatztruppen gezielt einzelne Demonstranten aus der Menge herausholten und in gepanzerten Fahrzeugen abtransportierten. Ein Fotograf erlitt während der Unruhen Verletzungen, als Polizeikräfte mit massiver Gewalt gegen eine Gruppe von Unbeteiligten vorging. Passanten forderten die Polizeikräfte auf, einen Krankenwagen zu rufen, was von den Sicherheitskräften ignoriert wurde.

„Die Protestbewegung verliert an Schwung,“ urteilten einige Schüler und Studenten, die bereits an den Protesten des vergangenen Jahres teilgenommen hatten. „Die Schüler haben kaum Hoffnung, dass ihre Proteste zu einem Umdenken führen könnten. Und mittlerweile sind mehr Polizisten vor Ort als Demonstranten.“ Bereits im Jahre 2006 hatten Schüler Verbesserungen im Bildungssektor gefordert, ohne dass es danach zu Reformen gekommen wäre. 2011 flammten die Proteste erneut auf, dieses Mal unterstützt von Studenten, die gegen die hohen Studiengebühren an den Universitäten des Landes protestierten. „Bildung ist unser Recht, aber die Universitäten machen daraus ein lukratives Geschäft,“ so der auch heute überall zu hörende Vorwurf.

Wir selbst waren erschrocken über die Härte, mit der beide Seiten aufeinander los gingen. Das sei ja gar nichts im Vergleich zu den Protesten des letzten Jahres, belehrte man uns. Trotzdem, unser Fotograf geriet im Laufe seiner Arbeit in eine Tränengaswolke, und auch das von der Polizei versprühte Wasser schien mit Chemikalien versetzt zu sein. Später versicherten uns Studenten, dass man das aus den Wasserwerfern abgefeuerte Wasser untersucht und Werte ermittelt habe, die über den erlaubten internationalen Standards liegen würden.

Nach zwei Stunden wilder Hetzjagden beruhigte sich die Lage. Der Alltag in Chiles Hauptstadt schien unbehelligt weiter zu gehen, die Polizeikräfte waren bemüht, wieder die alte Ordnung herzustellen. Eine Verkäuferin Anfang 20 berichtete uns, dass sie Jura studiert habe, bis sie die hohen Studiengebühren einfach nicht mehr aufbringen konnte. Nun jobbt sie in einer Pizzeria. Kein Einzelschicksal, versichert man uns. Chile scheint in einem tiefen Dilemma zu leben: nach außen versucht man, den Schein eines in vollkommener Ordnung lebenden Landes zu leben. Nach innen brodelt es an allen Ecken.

Wenige hundert Meter von der umkämpften Plaza Italia entfernt trommeln und pfeifen immer noch die seit Tagen streikenden Krankenschwester um höhere Löhne. Die Polizei steht bereit einzugreifen. Sie haben in diesen Tagen ausgesprochen viel zu tun, denken wir. Alle 40 Jahre geriete das Land an den Rand einer Revolution, erzählt ein befreundeter Journalist. Da das eingefahrene politische System unfähig sei, die nötigen Reformen durchzuführen, aber gleichzeitig sämtliche Erneuerungsversuche unterdrücke, staue sich der gesellschaftliche Druck immer weiter auf. Danach, so unser Freund, explodiere die Spannung und alles sei möglich: eine Machtübernahme der extremen Linken wie der extremen Rechten.

Zuletzt geriet das Land Anfang der 70er Jahre an den Rand eines Bürgerkriegs. 40 Jahre später – das wäre jetzt. Bald schon werden wir von Santiago aus nach Süden aufbrechen, hinunter in das Spannungsgebiet rund um Concepcion. Dort, so sagt man uns, würde es noch viel mehr Spannungen geben. Doch noch sind wir in Santiago und gespannt, was demnächst noch so alles kommen mag.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher