Chile: Menschen der Erde in der Metropole

Mapuche Gladys Inalef. Foto: Carolin Kronenburg

Mapuche Gladys Inalef. Foto: Carolin Kronenburg

Wenn sie durch den Raum geht, klingelt es: Gladys trägt heute die traditionelle Tracht ihrer Vorfahren. Dazu gehört ein einfaches Kleid, gehalten von einem Wollgürtel in Regenbogenfarben. Und die Trarilonco, der Kopfschmuck in Silber mit den vielen kleinen Plättchen, die bei jeder Bewegung glöckchenhafte Geräusche von sich geben. Gladys gehört zum Indigenen-Volk der Mapuche – und sie ist stolz darauf.

Trotzdem würde sie hier in Santiago, hunderte Kilometer vom ursprünglichen Territorium der Mapuche in Südchile entfernt, nie in dieser Tracht auf die Straße gehen. Denn obwohl heute mehr Mapuche in der Hauptstadt leben als in ihrer alten Heimat, fühlen sie sich hier diskriminiert. Die kleinen Stadtwohnungen entsprechen nicht den Bedürfnissen der klassischen Mapuche-Großfamilie, in den Schulen werden die Kinder wegen ihrer Nachnamen ausgelacht und an den Unis sind Mapuche-Studenten nach wie vor stark unterrepräsentiert. Die Kräuter und Baumblätter, die die Mapuche-Schamaninnen, die Machis, für ihre Heilkünste brauchen, müssen aus dem Süden importiert werden.

Mapuche heißt „Menschen der Erde“ und in die Metropole verpflanzt tun sich die meisten von ihnen sehr schwer. Sie sind hierhergekommen auf der Suche nach Jobs und besserer Bildung, aber bis heute fristen die allermeisten von ihnen ein Unterschicht-Dasein. Und dass, obwohl die Mapuche nie von den Spaniern besiegt wurden, sondern zu Kolonialzeiten so gute Geschäfte mit den Besatzern machten, dass sie zur reichsten Indigenen-Gruppe des Kontinents avancierten. Auf diese Unabhängigkeit von damals sind die Mapuche bis heute stolz und sehen es immer weniger ein, dass der Staat sie zu Bürgern zweiter Klasse degradiert, sagt Gladys. Sie organisieren sich, treffen sich regelmäßig und pflegen bewusst Bräuche und Traditionen. Das Schlimmste, sagt Gladys, wäre doch, wenn ihre Kinder ihre Wurzeln kappen würden. Sie spricht mit fester, klarer Stimme. Auf die Frage, ob es Politiker in diesem Land gibt, die die Interessen der Mapuche vertreten, schüttelt sie energisch den Kopf. Wieder klirren die Silberplättchen an ihrem Stirnband. Auch wenn die meisten Mapuche hier ihre Sprache Mapudungún heute nicht mehr sprechen: Die Mapuche in Santiago sind längst dabei, ihre eigene Stimme wiederzufinden.

Hilde Regeniter, Redakteurin beim Domradio

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.