Chile: Ort des Zusammentreffens

Wir sind an der südlichen Grenze der Provinz Concepcion angelangt, in dem kleinen Städtchen Tirua. Im Februar 2010 war der Ort während des verheerenden Erdbebens von der Stärke 8,8 teilweise zerstört worden, der etwa drei Stunden später über die Stadt rollende Tsunami riss gut 60 Häuser in Stücke. Doch die Bewohner haben sich nicht von diesem Schicksalsschlag unterkriegen lassen und ihre Stadt zum großen Teil wieder aufgebaut. Trotz der Untätigkeit der Regierung im fernen Santiago.

„Müssten wir auf die Hilfe der Regierung warten, wären wir aufgeschmissen.“ Die junge Frau steht vor ihrem neuen Heim auf einer Anhöhe der Stadt. Auf ihrem alten Grundstück direkt am Strand von Tirua wollte sie ihr Haus nicht wieder aufbauen – zu tief sitzt auch zweieinhalb Jahre nach dem Erdbeben die Angst vor neuen Erdstößen. Lieber suchte sie sich ein neues Grundstück in sicherer Entfernung von der Küste, wo sie mit der Hilfe von Nachbarn und Freunden ihr neues Haus aufbaute.

Im „Hogar de Cristo“, einem Nachbarschaftsverein der unter dem Motto der christlichen Gemeinschaft und Nächstenliebe agiert, bereitet die junge Frau Essen für die Senioren vor. Chile sei extrem zentralistisch aufgebaut, alle wichtigen Entscheidungen würden in Santiago gefällt, wobei ihre Anliegen sowieso nie gehört würden. Hier in der Provinz müsse man sich gegenseitig helfen. Wohin wir auch kommen – die Klage über die Untätigkeit der Regierung ist unisono.

Eigeninitiative ist auch bei der Handwerkskooperative „Relmu Witral“ angesagt, die in Tirua einen kleinen Laden besitzt. Beraten werden die Mapuchefrauen, die die Schals, Mützen, decken, Körbe und Holzschnitzereien herstellen, von den in Tirua lebenden Jesuiten. „Wir haben Relmu Witral in den letzten Jahren professioneller gemacht, und jetzt ist auch schon ein Laden in Santiago selbst eröffnet worden,“ erklärt uns Padre Carlos Bresciani, der seit sieben Jahren in Tirua lebt. Der 40-jährige führt uns zu den Resten der zerstörten Häuser am Strand, nur wenige Meter vom Laden der Kooperative Relmu Witral entfernt.

„Das Meer ist unaufhaltsam,“ merkt er mit Blick auf die übrig gebliebenen Fundamente der Häuser an. Sein eigenes Heim ist dagegen sicher. Hoch auf einem Berg gelegen, überblickt die kleine Holzhütte, in der die drei Jesuiten leben, die Bucht von Tirua. Am Horizont ragen die Berge der Insel Mocha aus dem Nebel heraus. Die Insel sei ein wahres Paradies, so Padre Carlos. Doch auch hier wütete der Tsunami von 2010. Augenzeugen berichteten, dass Wellen von bis zu 30 Metern Höhe die Insel trafen, die höchsten überhaupt. Am Festland kam immerhin noch eine gut 12 Meter hohe Welle an.

Padre Carlos stammt aus der Hauptstadt Santiago, dem 6 Millionen Einwohner zählenden Moloch. Hier oben auf dem Hügel leben jetzt gerade einmal sechs Personen. Ob es nicht einsam werde? „Es gibt tagsüber genug zu tun, wir sind in drei verschiedenen Organisationen in Tirua engagiert,“ entgegnet er. „Und die Ruhe hier oben würde ich für nichts in der Welt tauschen.“ Nur einen Tag verbleiben wir in Tirua, doch die Ruhe und der überwältigende Blick von den Felsen hinab auf das Meer tun uns gut. Wir haben neue Kraft getankt, es kann weiter gehen hinein ins Land der Mapuche. Wir bedanken uns bei Padre Carlos für alles. Wie gut dass wir ihn getroffen haben. „Tirua bedeutet Ort des Zusammentreffens,“ erzählt er. Kein Wunder also, denken wir. Gut, dass es solche Orte gibt.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher