Chile: Schwer beeindruckt

Im Ausland entdeckt man ganz neue Qualitäten an sich – oder andere entdecken sie. Dona Antonia (75) will mich bei sich behalten: Ich sei der Schwerste! Ich stelle mich auf die Ladefläche des Pickups über die Hinterachse – und so kommt der Wagen einfach besser die steile lehmige Auffahrt zur Dorfstraße hoch, die vom gestrigen Dauerregen so glitschig geworden ist. So einer wie ich wird gebraucht in Huenalihuen, einem kleinen Mapuche-Dorf nahe Tirúa im Mittleren Süden Chiles.

Wir dürfen eine Nacht im Haus von Don Marcelo und Dona Antonia verbringen. Dabei ist unsere Einführung denkbar schlecht gewesen. Wegen einer Reifenpanne auf der Piste nach Huelalihuen kommen wir erst kurz vor Mitternacht an; die Familie hatte schon geschlafen. Dennoch: Am nächsten Tag sind alle Pannen vergessen; Themen zum Reden gibt es genug. Ob es bei uns in Deutschland auch Mapuches gibt, will Don Marcelo (84) wissen. Nein? Schade, meint er und grinst sein zahnarmes Grinsen.

In Santiago, der Hauptstadt Chiles, gebe es aber viele, erzählt er: Allein drei seiner fünf Kinder seien da. Wenn man einen Job hat dort, ist es gut – aber wenn nicht… Er selbst sei nicht oft dort gewesen: zu aufgeregt, zu lärmig. Und außerdem: Wenn er zu lange wegbleibt von zuhause, dann klauen ihm seine Companeros aus dem Dorf noch die Schafe aus dem Stall. Lieber sitzt Marcelo auf seinem Pflug, erzählt von dem Puma, der zu Salvador Allendes Zeiten hier wilderte, und räsoniert über das Leben und die Ruhe hier: „muy tranquilo – muy tranquilo“. Tatsächlich, die Entschleunigung ist total. Hier kuscheln Katze und Hund, läuft ein Rudel Kükenwaisen mitten durch die Gute Stube.

Die Bäume auf seinem kleinen Hügel hat Marcelo neulich an eine der vielen Holzfirmen der Region verkauft. Die großen Stämme sind abtransportiert, die kleineren noch vor Ort zu Brettern zerlegt. Sohn Enrique will schon bald wieder Kiefern setzen – dann kann schon in 20 Jahren wieder Ernte sein. Von den Ästen und Resten, die links und rechts am Hang liegengeblieben sind, lässt sich der Ofen noch für viele kalte Monate stochen. Ein karges, ein hartes, aber beschauliches Leben. Wenn nur Dona Antonia nicht immer einer fehlte, der ordentlich die Hinterachse des Pickups beschwert.

Alexander Brüggemann (KNA)
Leiter Auslandsredaktion

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.