Chile: Über Einschusslöcher und den Kampf gegen Drogen

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.

Padre Gerardo berichtet der Gruppe. Foto: Carolin Kronenburg

Padre Gerardo berichtet der Gruppe. Foto: Carolin Kronenburg

Die Kugel ist im Kreuz direkt neben dem Christus-Kopf eingeschlagen, das Einschussloch ist noch zu sehen. Wir entdecken diese Spur in einer Kapelle in La Legua, einem Armenviertel von Santiago de Chile. Hier arbeitet Padre Gerardo, ein aus Frankreich stammender Priester, der fast immer freundlich lächelt. Für den Fußweg zur Kapelle hat er uns empfohlen, nicht zu fotografieren, nichts mitzunehmen. Denn die Gegend ist gefährlich, Schießereien sind an der Tagesordnung. Drogenhändler liefern sich hier Bandenkriege. Polizeiposten mit olivgrünem Helm und Maschinengewehr in der Hand wachen an der Straßenecke. Daneben winzige Verschläge, in denen die Menschen hausen – nahezu ohne jegliche Privatsphäre.

Padre Gerardo strahlt Gelassenheit aus, obwohl er bereits Morddrohungen erhalten hat. „Was kann mir schon passieren?“, sagt er und verzichtet auf Polizeischutz. Schlimmstenfalls könne man ihn erschießen. Wenn er einen Toten beerdigen soll, fragt er nicht, wer der Verstorbene war und was er gemacht hat. Und wenn er um den Segen gebeten wird, was in Chile üblicherweise vorkommen kann, dann erteilt er ihn jedem, ohne Unterschied.

In seinem Büro steht ein Megafon. Wenn wieder einmal Schüsse über die Straße hallen, nimmt er das Megafon mit in seinen silberfarbenen Corsa und betet laut den Rosenkranz.

Padre Gerardo im Armenviertel La Legua. Foto: Matthias Hoch

Padre Gerardo im Armenviertel La Legua. Foto: Matthias Hoch

Der Priester trägt ein schlichtes Holzkreuz und eine weiße Hose. Er hat sich, wie er sagt, in die Menschen des 15.000 Einwohner zählenden Viertels verliebt. Ihnen will er nahe und ein Bruder sein. Jeden Monat macht er mit den Menschen einen Friedensmarsch und grüßt die Leute aus der Umgebung. „Wir versuchen, ihnen Würde zu geben“, betont Padre Gerardo.

„Wie geht euch, was ist passiert?“ – mit diesen Worten beginnt er immer den Gottesdienst. Die Pastoral, betont er, muss in Beziehung treten zur Realität, eine Antwort geben auf die schwierige soziale Situation. „Solidarität ist ein Reichtum in unserer Gemeinde“, sagt der Geistliche. Und, dass der Glaube der Leute in seinem Viertel ihm viel Kraft gibt.

Mich hat dieser Priester schwer beeindruckt.

Christof Haverkamp ist Leiter Politik/Wirtschaft der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.