Chile: „Wasserwerfer, Tränengas – ist immer so“

Studentenproteste nahe der Universidad de Chile. Vorne Studenten, hinten bereiten sich Polizeieinheiten auf den Einsatz vor.

Studentenproteste nahe der Universidad de Chile. Vorne Studenten, hinten bereiten sich Polizeieinheiten auf den Einsatz vor.

Die Studentenproteste gehen von der altehrwürdige Universidad de Chile aus. Das Zentrum des studentischen Widerstands ist die renommierte juristische Fakultät. 16 Staatspräsidenten haben hier studiert, unzählige Politiker und Intellektuelle sind aus dieser Fakultät hervorgegangen. An diesem Tag bere

iten die Studenten im Vorhof einen erneuten Protestmarsch vor, Plakate werden ausgerollt und Fahnen geschwenkt. Eigentlich ist das hier eher ein Burghof, sagt die zierlich Jurastudentin Karina und weist auf die schmiedeeiserne Umzäunung. Hierher flüchten wir, wenn die Polizei uns verfolgt. Auf das Gelände der berühmten Fakultät trauen sich die Polizisten nicht.

Die Studenten singen ihre Parolen.

Die Studenten singen ihre Parolen.

Seit über drei Jahren protestieren die Studenten in Santiago regelmäßig gegen das Bildungssystem, das der Staat komplett kommerzialisiert hat. Studiengebühren werden überall fällig, egal, ob man an einer privaten oder an einer staatlichen Universität studiert. An der Universidad de Chile sind Studiengebühren von 2500 Euro pro Semester keine Seltenheit. Viele Studenten stehen nach ihrem Studium vor einen Schuldenberg von 25.000 Euro mit Zinsen müssen oft 50.000 Euro zurückgezahlt werden – bei einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 15.000 Euro pro Jahr. Die Studenten demonstrieren gegen dieses System, fordern kostenfreie Bildung.

Aber diese Demonstrationen sind alles andere als friedlich. „Am Ende werden Steine fliegen, dann setzt die Polizei Wasserwerfer ein und schießt mit Tränengas“, sagt Karina, lächelt kurz und zuckt mit den Achseln. „Ist immer so“.

Die Polizisten wissen, dass Steine fliegen werden.

Die Polizisten wissen, dass Steine fliegen werden.

Abhalten lässt sich die 23-Jährige von diesem Szenario aber nicht. „Wir haben keine Angst“, sagt sie über sich und ihre Mitstudenten. „Unsere Eltern, die haben sich nicht getraut, auf die Straße zu gehen, weil sie Angst hatten, verhaftet und vielleicht sogar getötet zu werden. Uns droht das nicht. Auch so kann man das Vertrauen in die Demokratie leben, knapp 25 Jahre nach dem Ende der Diktatur.

Tausende von Studenten marschierten mit Fahnen und Transparenten durch die Innenstadt, begleitet vom Rhythmus verschiedener Trommel-Bands. Ein bisschen hatte das etwas von brasilianischem Straßenkarneval. Die Forderungen wurden eher gesungen als skandiert:

„Auf geht’s Compañeros, wir gehen wieder auf die Straße, die Bildung wird nicht verkauft, sie wird verteidigt!“

Die Studenten der Universidad de Chile haben fast ein richtiges Protestlied getextet. Der Schluss wird dann doch eher gebrüllt: Unica Solucion – Revolution. Die einzige Lösung – Revolution.

Der Protestzug endete auf dem Platz vor dem Mercado Central. Auf einer Bühne gaben sich die Studentenführer nacheinander das Mikro in die Hand und forderten immer wieder kostenfreie Bildung. Nur einen Steinwurf entfernt von der Bühne hatten sich mehrere Hundert Studenten maskiert und deckten den bereitstehenden Wasserwerfer mit einem Steinhagel ein. Die Redner auf der Bühne ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen, sogar eine Band spielte auf, während in Sichtweite die Sondereinheiten der Polizei den Steinhagel der Vermummten auf sich niedergehen ließen.

Bis 13.30 Uhr war die Demonstration genehmigt. Danach übernahm die Polizei.

Bis 13.30 Uhr war die Demonstration genehmigt. Danach übernahm die Polizei.

Genehmigt war die Demonstration bis 13.30 Uhr. Danach rückte die Polizei vor, zuerst mit dem Wasserwerfer, dann mit Polizeieinheiten, die mit ihren Schlagstöcken wahllos auf die Demonstranten eindroschen. Eine Aufforderung oder gar ein Warnung der Polizei gab es keine. „Nicht rennen, sondern einfach stehen bleiben“, machte Karina mitten im Gemenge noch klare Ansagen. Wenn Du rennst, wirst Du von der Polizei verfolgt und geschlagen.“ Der anrückende Wasserwerfer überzeugte die Jurastudentin aber dann davon die „Einfach-Stehenbleiben-Strategie“ aufzugeben. Im chaotischen Gedränge mit Nahkampfszenen zwischen Polizei und vermummten Studenten entwischte Karina in eine Nebenstraße: Wo gerade mehrere Dutzend Polizisten auf Motorrädern Ihre Offensive starteten. „Es gibt eine gigantische Unzufriedenheit in Chile“, sagt die Studentin, nachdem sie sich von dem Getümmel vor dem Mercado zentral entfernt hat. „Die Demonstrationen sind die einzige Möglichkeit, wie wir diese Unzufriedenheit ausdrücken können“.

Text: Peer Vorderwülbecke, ARD-Korrespondent in Buenos Aires
Fotos: Matthias Hoch

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.