Clau hat keine Lust auf Schule

Der vierjährige Clau hatte heute partout keine Lust in die Schule zu gehen. Das wäre auch vorerst niemandem aufgefallen, da er sich geschickterweise versteckte, als alle anderen Kinder zur Schule aufbrachen. Dumm war nur, dass er eine halbe Stunde später quietschvergnügt durch den Garten wandelte, direkt mir vor die Füße.

In der Schule St. Michel in Léogâne, Haiti. Mit den haitianischen Kindern singt Eva Habermann deutsche Kanons.

In der Schule St. Michel in Léogâne, Haiti. Mit den haitianischen Kindern singt Eva Habermann deutsche Kanons.

Ich fragte ihn also, ob er heute keine Schule habe. „Non, non – écol e pa“ beteuerte er mir auf Kreolisch. Das kam mir aber irgendwie sehr spanisch vor, und ich fragte die Schwestern. Natürlich müsse er in die Schule.
Da half kein Klagen, er zog sich unwillig seine Schuluniform an. Als Friedensangebot bot ich ihm an, dass ich ihn auf meinem Rücken zur Schule tragen würde wie ein Pferdchen. Das fand er dann schon mal gut. Als ich dann auch noch galoppierte und dazu „Galopp, Galopp!“ rief, war er hellauf begeistert. Das Problem war jetzt nur: Jedes mal ,wenn ich wieder in den normalen Schritt verfiel, weil es einfach zu heiß war, um den ganzen Weg zur Schule zu galoppieren, rief jemand auf meinem Rücken relativ ungehalten: „GALOPP! GALOPP!“, und fing unruhig an hin und herzurutschen. Da blieb mir nichts Anderes übrig, als einen großen Teil der acht Minuten langen Strecke zu galoppieren … Danach war ich von der Hitze total durchgeschwitzt. Und Clau wollte, vor seiner Klassentür angekommen, prompt nicht mehr absteigen und klammerte sich an meinen Rücken und rief: „GALOPP!“ Das half aber nichts.
Anschließend war ich heute für drei Stunden in der École St. Michel. Im April letzten Jahres hatte ich bei meiner ersten Reise mit Adveniat nach Haiti die Ruinen mehrerer vom Erdbeben 2010 zerstörter Schulen gesehen, jetzt gibt es Gott sei Dank neue Räume. Ich sang mit den Kindern einen Kanon, zeigte Bilder von meinen Eltern, meiner Schwester und „meinen Kindern“. Es sind eigentlich die Kinder meiner Schwester, aber ich bin ja seit gestern lernfähig. In der Schule verteilte ich dann noch das Schulmittagessen – Reis und Bohnen –, um mich danach auf den Weg nach Port-au-Prince zu machen, auf der Suche nach neuen Loombändern. Natürlich haben die Schwestern schon allen Kindern vorgeschwärmt, dass Madame Eva kommt und mit Ihnen Armbänder bastelt, da möchte ich sie nur ungern enttäuschen.
Port-au-Prince ist ein ziemlicher Moloch. Mehr als die Hälfte aller Einwohner Haitis leben hier. Davon mehr als die Hälfte arbeitslos. Das Leben findet überwiegend auf der Straße statt, wo alle paar Meter ein anderes Ständchen aufgebaut ist, an denen man alles kaufen kann, von Lollies bis Autoreifen.
Dazwischen liegt überall unglaublich viel Müll. Die Stadt erstickt geradezu im Müll. Hier und da wird ein Haufen Abfall auf offener Straße verbrannt. Das riecht ziemlich fies und ist bestimmt nicht gesund.
Immerhin hab ich dann in einem größeren Spielwarengeschäft meine Loombänder gefunden und gleich Unmengen neue Bänder gekauft, damit ich für den Rest der Zeit hier versorgt bin. Jetzt bin ich auf dem Rückweg und freue mich auf mein um Einiges idyllischeres Schwesternhaus in Léogâne.