Miami: Das „Wohnzimmer“ der Haitianer

Die Kirche „Notre Dame d’Haiti“ ist viel zu klein geworden. „Zum Osterfest hatten wir 7.000 Menschen im Gottesdienst“, berichtet Pfarrer Reginald Jean-Mary. Doch die Kirche, eigentlich ein größerer Saal, in dessen Wände bunte, farbenfrohe Fenster eingesetzt wurden, bietet nur für wenig mehr als 1.000 Menschen Platz. Schon an den „normalen“ Wochenenden kommen bis zu 5.000 Menschen zu den Messfeiern. „Wir stellen Stühle auf dem Platz zur Straße auf, übertragen die Messe auf Bildschirme und stellen Lautsprecher auf“, erzählt Pfarrer Reginald. Seit dem Erdbeben im Januar 2010 seien viele Familien aus Haiti geflüchtet. Auf etwa eine Million wird die Zahl der in den USA lebenden Haitianer derzeit geschätzt. Die offizielle Statistik spricht von knapp 800.000, davon mehr als 100.000 allein in Floridas Metropole Miami. „Wir rechnen derzeit mit 263.000 Haitianern in Miami“, sagt Pfarrer Reginald und weiß davon zu berichten, dass derzeit bei fast jeder haitianischen Familie in Miami mindestens eine weitere zu Gast ist – und das zumeist seit dem Beben: „Viele wussten nicht mehr, wo sie leben sollten und haben die oftmals gefährliche Fahrt mit kaum hochseetauglichen Booten auf sich genommen.“ Mehrfach habe die Küstenwache Leichen aus dem Meer gefischt – nicht alle erreichten das Festland.

Die meisten Haitianer lebten illegal in den USA. Inzwischen gäbe es Menschenschmuggler, die Ausreisewillige von Haiti an die US-Küste brächten. Doch während die Immigranten in den 1980er Jahren, der Zeit der ersten Migrationswelle aufgrund der Duvalier-Diktatur noch bereitwillig aufgenommen wurden und es genug Arbeitsplätze gab, ist dies heute anders. Amerika leidet unter der Wirtschaftskrise, der Bauboom ist gestoppt, und so gibt es kaum Arbeitsplätze. Das führt, besonders unter Jugendlichen, zu Gewalt. Rund 10.000 Haitianer sitzen derzeit in US-Gefängnissen ein, weil sie an Verbrechen beteiligt waren.

Pfarrer Reginald Jean-Mary (2.v.r.) im Gespräch mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck, Geschäftsführer Bernd Klaschka und Haiti-Länderreferentin Margot Wichelmann.

Pfarrer Reginald Jean-Mary (2.v.r.) im Gespräch mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck, Geschäftsführer Bernd Klaschka und Haiti-Länderreferentin Margit Wichelmann.

Gerade deshalb sei es wichtig, den Kindern und Jugendlichen eine bessere Zukunft aufzuzeigen, meint Pfarrer Reginald und zeigt stolz die Schule und den Kindergarten der Pfarrei. Vor allem Kinder aus Flüchtlingsfamilien werden hier unterrichtet, unabhängig davon, ob sie bereits das begehrte „TPS“ besitzen. Die Abkürzung steht für „Temporary Protected Status“ – eine Art Aufenthaltsgenehmigung für Menschen, die aus Ländern stammen, in denen Krieg herrscht oder die von heftigen Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Doch es ist für die Haitianer schwierig geworden, diesen Status zu bekommen – und vielen droht daher die Abschiebung.

„Viele Familien wohnen sehr beengt, zumal sie seit vielen Monaten Angehörige zu Gast haben“, sagt Pfarrer Reginald. Da sei es wichtig, dass die Pfarrei Hilfen anbiete, zum Beispiel Computerkurse, aber auch konkrete Hilfen wie Lebensmittel, ohne die manche Familien hier kaum überleben könnten. „Und wir helfen in Haiti selbst, haben Kollekten abgehalten, waren mit Freiwilligenteams vor Ort und helfen beim Wiederaufbau.“ Die Pfarrei werde als „Zentrum“ der Haitianer verstanden, sie sähen die Gemeinde „als ihr Wohnzimmer“ an.

1978 als „haitianische Mission“ in Miami gegründet, ist die Pfarrei heute eine der größten in Miami. Es war Thomas Wenski, der als Pfarrer in „Little Haiti“, wie der Stadtteil Miamis inzwischen genannt wird, den Aufbau der Pfarrei vorantrieb. Seit 2010 ist er Erzbischof von Miami. Den Haitianern fühlt er sich weiterhin eng verbunden, auch weil der 61-Jährige fließend Kreolisch spricht.

Doch das Erzbistum zählt rund 850.000 Katholiken, mehr als zwei Drittel von ihnen sind Migranten. Entsprechend international ist der Klerus der Erzdiözese. Er habe Priester aus 15 Ländern, berichtet Thomas Wenski beim Abendessen in seinem Privathaus. Gottesdienste gebe es in mehr als 12 Sprachen. Mehr als die Hälfte der Seminaristen des Erzbistums sind Hispanics, Einwanderer aus Lateinamerika beziehungsweise direkte Nachfahren der Immigranten aus Mexiko, Mittel- und Südamerika. Wenski selbst ist Nachfahre polnischer Einwanderer.

Miami

Erzbischof Thomas Wenski von Miami im Gespräch mit Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck

Wichtigste Gruppe der Immigranten sind nach wie vor die Kubaner. Als Papst Benedikt kürzlich Kuba besuchte, war Erzbischof Wenski mit 800 Pilgern aus Miami dabei. „Wir hatten fünf Flugzeuge gechartert und mussten abends aus Santiago zurück nach Miami fliegen“, berichtet er. „ Am Morgen ging es dann weiter nach Havanna“. Berichtet haben darüber die beiden katholischen Radiostationen Floridas – eine auf spanisch, die andere auf englisch.

Text und Fotos: Christian Frevel, Adveniat