Haiti: Das große Rara

Zuerst hatten wir noch gedacht, es sei eine Demonstration. Bunte Fahnen, laute Musik, Trommelschläge. Dann dachten wir, es sei eine Art Karneval, weil viele Menschen in bunten Kostümen verkleidet waren, doch nein, es war ja bereits der vierte Fastensonntag. Als wir mit unserem Wagen zum dritten Mal in den immer größer werdenden Gruppen auf der Straße steckenblieben, fragten wir nach. Es sei das „große Rara“, das man feiere, erzählten die Menschen.

Wir waren auf dem Weg von der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince nach Cap-Haitien im Nordosten des Landes. In Gonaïves, etwa auf der Mitte der Wegstecke, war dann endgültig kein Durchkommen mehr. Hunderte, Tausende Menschen auf der Straße. Drei Polizisten, die irgendwie versuchten, den Verkehr zu regeln. Und dazwischen die etlichen Verkäuferinnen und Verkäufer, die vor allem den einheimischen Zuckerrohrschnaps anboten. Wir hatten Zeit genug, uns das Treiben näher anzuschauen.

Haiti

Das Rara, so erfuhren wir, ist ein Fest, das an jedem Sonntag der Fastenzeit gefeiert wird. Der Höhepunkt ist der Karfreitag. Vorneweg ziehen den Gruppen stets die Musiker, ausschließlich Männer: Da sind die Bläser des Vaksin, eines Instruments aus Bambusrohren, in das die Musiker blasen und dabei tiefe Töne erzeugen und gleichzeitig auf das Bambusholz rhythmisch schlagen. Da ist das Hélicon, eine lange Blechtröte, die ein Mittelding aus Fanfare und Gießkanne zu sein scheint. Dazu kommen Trommeln, Trompeten und weitere Rhythmusinstrumente wie das Tchatcha, Maracas, die Guïra oder Blechratschen.

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Den Musikern folgen die tanzenden Frauen, oft in einheitlich bunten Gewändern. Und dazwischen, den Ton angebend, ein Mann mit einer Peitsche, der Major-Jonc. Und je länger der Tag dauert, desto größer werden die Gruppen (und für uns das Durchkommen schwerer).

Abends, endlich in Cap Haitien angekommen, erfuhren wir von unserem Gastgeber Erzbischof Luis Kébreau mehr über das Rara. Es sei in der Sklavenzeit entstanden, als gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Karwoche mit ihren Ritualen in Haiti üblich wurde. Die Peitsche erinnere an die Geißelung Christi, und manche Gruppen führen auch große Hammer mit sich als Zeichen für weitere Marterwerkzeuge. Doch das Rara sei zugleich auch ein Fest des Vodou, denn die Gruppen seien eng verbunden mit dem haitianischen Kult. Unter der Leitung des Major-Jonc treffen sich die Gruppen zuerst an einem traditionellen Vodou-Ort, dem Lakou. Von dort aus geht es auf die Straße, wo sich immer mehr Menschen der Musik und dem Tanz anschließen. Das Fest zieht sich bis in die Nacht hinein.

Aus dem Rara-Fest ist in Haiti eine eigenständige Musikrichtung entstanden, so dass es heute berühmte Rara-Musiker gibt, die auch in anderen Ländern erfolgreich sind. Der Name „Rara“ soll übrigens „Heidenlärm“ bezeichnen. Und irgendwie stimmt das ja auch.

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Text: Christian Frevel
Fotos: Martin Steffen