Dem Himmel entgegen gebaut

„Boa Viagem“, das heißt auf Portugiesisch „Gute Reise“. Doch bevor es weiter nach Teresina geht, haben wir noch einen letzten Tag in der Küstenstadt Recife. Und den nutzen wir für eine Erkundung der Kilometer langen Strandpromenade eben diesen Namens, DEM Anzugspunkt für Touristen aus aller Herren Länder und DAS Postkartensinnbild Recifes. Nirgendwo sonst sind die letzten Boomjahre des kleinen Bundeslandes Pernambuco, dessen Hauptstadt Recife ist, derart sichtbar wie in „Boa Viagem“. Wo einst einstöckige Häuschen das Bild prägten, schossen in den letzten Jahren 20-stöckige Wolkenkratzer gen Himmel. Eine riesige Mauer verglaster Luxuspaläste zieht schier endlos dem Horizont entgegen.

Lula sei Dank! In seinen nun fast acht Amtsjahren hat Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva, der im kargen Hinterland Pernambucos zur Welt kam, riesige Investitionen in sein Heimatland gepumpt. Dafür wächst Pernambuco wie kein anderes Land der Föderation. 8, 9 oder sogar bis zu 10% – fast chinesische Verhältnisse. Der Traum vom Wohnen mit Meerblick erfüllt sich nun für die anwachsende Schicht wohlhabender Pernambucanos. Doch wir haben gerade nicht viel davon; nimmt uns die gigantische Betonwand doch die Sonne weg. Mit Kokosnüssen bewaffnet, deren milchartiges Wasser wir genüsslich schlürfen, schlendern wir den Strand entlang. Gerade einmal drei Uhr nachmittags, und schon liegt der Strand im Schatten.

Einheimische und Touristen ziehen in Scharen von dannen. Man kommt in den Nordosten, um Sonne zu tanken. Und jetzt das! Vielleicht noch ein kurzes Bad im türkis schimmernden Meer? „Recife“ heißt „Riff“, und dieses zieht sich den Strand entlang, bricht die Wellen, die so kraftlos an den Strand wabbern. Wirklich schwimmen kann man hier nicht. Zudem warnen Schilder vor Haien! Immer wieder hört man gruselige Geschichten von Attacken auf Surfer und Schwimmer, die sich über die Riffe hinaus aufs offene Meer wagen. Also lassen wir das. Auch so ist es schön, der Blick hinaus aufs Meer, die erfrischende Brise, die die tropische Hitze erträglicher macht. Klar dass alle diesen Blick genießen wollen, und sei es aus dem 35. Stock.

Früher habe es tolle Cafés und Strandbars gegeben, an denen man es sich gemütlich machen konnte, und Sonne hatte man bis spät am Nachmittag, berichtet ein deutscher Tourist, das Gesicht tiefrot verbrannt. Nach 27 Aufenthalten innerhalb der letzten 15 Jahre denke er mittlerweile daran, demnächst mal woanders hin zu fahren. „Boa Viagem ist ja nicht mehr das was es mal war. Nichts als Betonkästen. Hässlich ist das!“

Wir verlassen die Strandpromenade. In den hinter der Hochhauswand gelegenen Straßen stinkt es zum Himmel. In offenen Kanälen gärt das Abwasser des Viertels, und Meereswind kommt hier dank der pharaonischen Hochhäuser auch nicht an um Geruchslinderung zu bringen. Das ganze Viertel sei nicht an die Kanalisation angeschlossen, Kläranlagen gibt es keine, erklärt unsere brasilianische Begleiterin, die uns seit Tagen durch die Stadt führt. In langen Rohren leite man das Abwasser weit ins Meer hinaus. Weit genug damit es nicht mit der Flut zurückkommt?, frage ich. Nein, nicht weit genug, antwortet sie. Ich bin froh dass ich nicht ins Wasser gegangen bin. Aber dafür war der Blick schön. Zumindest der aufs Meer hinaus.

Text und Fotos: Thomas Milz