Der „gute Tod“ in São Paulo

„Unsere Geschichte ist sehr jung“, sagt Kardinal Odilo Scherer, der Erzbischof von São Paulo. Und er ergänzt vor der Gruppe aus Deutschland mit einem Augenzwinkern: „Alles, was hier älter als hundert Jahre ist, gilt als uralt und historisch bedeutsam.“ Um so bedeutsamer sei daher die Geschichte der Kirche „Nossa Senhora da Boa Morte“ (Unsere Liebe Frau vom Guten Tod) in der Rua do Carmen im Zentrum São Paulos.

Es ist ein Eintauchen in die Geschichte einer Millionenstadt. São Paulo, eine Kleinstadt? Das ist noch gar nicht so lange her. Vor 200 Jahren, zur Herrschaft des brasilianischen Kaisers Pedro I., zählte São Paulo rund 15.000 Einwohner – heute sind es mehr als 16 Millionen. Schwarze Sklaven sorgten für die Bewirtschaftung der Güter, und erst 1808 öffnete Brasilien seine Häfen „feindlichen Nationen“ – und eröffnete sich damit dem Wirtschaftswachstum. Noch sollte es Jahrzehnte dauern, bis unter Kaiser Pedro II. hunderttausende Europäische Einwanderer für ein schnelles Anwachsen der Bevölkerung sorgten – und es sollte noch länger dauern, bis São Paulo zur Großstadt wurde.

Um 1810 war am nordwestlichen Rand der Stadt eine kleine Kirche errichtet worden – unter dem Patronat „Unserer Lieben Frau vom Guten Tod“. Die Kirche lag auf dem Weg, den die zum Tode Verurteilten nehmen mussten, wenn sie zum Galgen geführt wurden. Die Hinrichtungsstätte lag an einem Ort, den man „Liberdade“ nannte, Befreiung. Denn die meisten der Delinquenten waren Sklaven, die versucht hatten, ihrem Los durch Flucht zu entkommen. Und für sie war dieser Tod die „Befreiung“. Heute übrigens ist Liberdade der Name eines wichtigen Innenstadtviertels in São Paulo. Eine Schwesternschaft, also ein Zusammenschluss frommer Frauen, hatte für den Bau der Kirche das Geld gesammelt, und die zum Tode Verurteilten hatten die Erlaubnis, auf ihrem letzten Gang hier eine Pause einzulegen und um ihr Seelenheil zu beten.

Die Kirche nossa senhora da boa morte in Sao PauloHeute liegt die Kirche in einem geschäftigen Viertel, doch ein paar wenige Häuser aus der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts haben inmitten von Hochhäusern überlebt. Der kleine Fluss, über dem sich die Kirche einst erhob, ist längst kanalisiert und unter die Oberfläche verlegt worden. Doch die Kirche „Nossa Senhora da Boa Morte“ erstrahlt in neuem Glanz. Pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum des ersten Gottesdienstes in der Kirche im Jahr 2010 sind die umfangreichen Restaurierungsarbeiten abgeschlossen worden. Finanziert durch Staat und Wirtschaft, konnte die Kirche ein wahres Kleinod schaffen. „Heute dient die Kirche wieder dem Gebet, vor allem für diejenigen, die in großer Not sind“, betont Erzbischof Odilo Scherer, der die Adveniat-Delegation aus Essen durch die Kirche führt. „Es ist dies die einzige Kirche in São Paulo, die 24 Stunden am Tag zur Anbetung geöffnet ist.“

Betreut wird die Kirche durch Freiwillige, zumeist jugendliche Mitarbeiter der „Aliança da Misericordia“. Die Aliança ist eine neue geistliche Gemeinschaft, die sich dem Dienst an den von der Gesellschaft Ausgeschlossenen, insbesondere den Obdachlosen, Behinderten, Drogenabhängigen und seelisch Kranken verschrieben hat. Die jungen Menschen verschreiben sich für ein bis drei Jahre diesem Dienst. Mehr als hundert junge Frauen und Männer werden jährlich in mehrmonatigen Kursen auf diese anspruchsvolle Arbeit ausgebildet.

Gleich gegenüber der Kirche liegt eines der wenigen Häuser aus der Gründerzeit, die nicht der Bauwut der Großstadt zum Opfer gefallen sind. Hier, in einer nahezu pittoresken Villa, haben die jungen Frauen und Männer ein Haus für die Kommunität bezogen. Stets sind mindestens zwei von ihnen in der Kirche gegenüber präsent, um das Gebet zu leiten und um als Ansprechpartner für Menschen in Not zu dienen.

Die Kirche vom „guten Tod“ kommt so zurück zu ihren Wurzeln. Denn genau dies war ja der Antrieb der frommen Frauen, die damals den Bau der Kirche stifteten: Den Notleidenden beizustehen in den dunkelsten Stunden ihres Lebens.

Christian Frevel