Der Fluch der Loomies

Ich mochte sie ja am Anfang sehr gerne … nun habe ich fast einen Hass auf sie entwickelt: die Loom-Armbänder. Ich kann mit den Kindern singen, spielen, ihnen Geschichten erzählen, Loomies sind und bleiben ihr absoluter Favorit. „Noch ein Armband für die Mama, noch eines für den besten Freund.“

Stolz recken die Kinder ihre Handgelenke in die Höhe, an denen die Loombänder prangen. Foto: Eva Habermann

Stolz recken die Kinder ihre Handgelenke in die Höhe, an denen die Loombänder prangen. Foto: Eva Habermann

Meine Finger sind wund und mein Nacken erfüllt von einem stechenden Schmerz vom „auf die Finger starren“. Ich habe jetzt nach und nach ganzen Schulklassen beigebracht, wie man Loomarmbänder knüpft. Mit der Erkenntnis: Manche lernen es nie. Und manche lernen es sofort. Und ich wusste bisher nicht, wie man es schaffen kann, sich selbst die Finger mit den Bändern so zu verknoten, dass man es kaum mehr aufkriegt. Aber die meisten Kinder haben große Freude dran, selbst die Verwicklungskünstler.
Eine weitere erschreckende Erkenntnis ist: Sobald die Lehrer anfangen ein Band für sich zu knüpfen, sind sie auch sie im „Loomie-Land“. Dreißig durcheinander laufende und rufende Kinder werden dann komplett mir überlassen, die Kinder könnten auf den Tischen tanzen oder den Klassenraum anzünden. Alles egal – zuerst muss der Lehrer sein Loom-Band fertigstellen, danach ziert ein Armband seinen Arm, ein breites Lächeln sein Gesicht und er ist wieder ansprechbar. Na, Gott sei Dank.
Letzte Erkenntnis: ich hab schon jetzt keine Verschlüsse mehr und hätte statt meinem Computer lieber noch eine XXXXL-Kiste Loomies mitgenommen, da ich hier eh kein Netz habe und alles auf meinem Handy tippe.
Heute Nacht habe ich denkbar schlecht geschlafen, weil der offensichtlich debile Hahn (ja, es gibt hier Hunde, Katzen, Hühner, Ziegen und Schweine) meinte, immer zur vollen Stunde krähen zu müssen, sei es 1 Uhr, 2 Uhr oder 3Uhr nachts. Schon eine beachtliche Leistung, aber sehr störend, wenn man schlafen möchte. Ich weiß nur deshalb so genau die Uhrzeit, weil ich jedes Mal komplett entnervt auf mein Handy geschaut habe. Und ich hatte ein oder zwei fiese Moskitos in meinem Zimmer, die sich trotz Fliegenschutzgittern vor meinen Fenstern illegal in mein Zimmer geschlichen hatten. Da aber der Strom ausgefallen war, war es zu mühsam, im Dunkeln mit Taschenlampe auf Moskitojagd zu gehen.
Ich hoffe der Hahn hält heute Nacht den Schnabel. Jetzt ist Wochenende, und ich habe noch keinen genauen Plan, was ich genau tun werde. Vielleicht mache ich mit den Schwestern und den Waisenkindern einen Ausflug nach Jacmel, eines der landschaftlich schönsten Gebiete in Haiti.

Eva Habermann