Der Fussball auf den Aymara-Altar …

Den ganzen Tag schleife ich diese dämliche Tasche durch La Paz. Drin sind Fußball und Luftpumpe, bestimmt für die Kinder der Aymara-Familie, mit der wir am Abend in El Alto die traditionelle „Mesa“ zu Allerheiligen feiern. Dass Ball und Pumpe dort noch für Furore sorgen würden, kann ich da noch nicht ahnen. Aber der Reihe nach:

In der Nähstube von Waliki fertigen Frauen Pullover aus Alpaka-Wolle.

Wir besuchen „Waliki“, ein soziales Unternehmen, das aus einer Basisgemeinde hervorgegangen ist. Viele Frauen finden dort die Möglichkeit zu arbeiten, sie stellen hochwertige Pullover, die meisten aus Alpaka-Wolle, her, die dann nach Deutschland und in die USA verkauft werden. Weiter geht es zur Stiftung Jubileo, bei der unsere ständige und kompetente Begleiterin Irene Tokarski arbeitet. Dort gibt es eine Menge Daten über Bolivien, es ist manchmal anstrengend zu folgen, lohnt sich aber. Danach etwas dünne Luft zum Durchatmen beim Gang über die zentrale Plaza Murillo und einem Besuch beim Hexenmarkt, wo es unter anderem Lama-Föten zu kaufen gibt, die die Menschen nach altem Brauch beim Bau eines Hauses einmauern, soll wohl Glück bringen. Schließlich sind wir zu Gast bei Edmundo Abastoflor, dem Erzbischof von La Paz. Er empfängt uns freundlich, unsere Fragen zu Basisgemeinden beantwortet er aber nicht immer zu unserer Zufriedenheit. Bei sämtlichen Terminen immer dabei: Ball und Pumpe.

Allerheiligen in der Aymara-Familie

Dann geht’s endlich in unseren Bus, hinauf nach El Alto zu der Aymara-Familie. Möglich gemacht hat den Besuch Calixto Quispe, ein beeindruckender Mann. Er ist voll studierter katholischer Theologe und gleichzeitig Yatiri, ein Priester der andinen Kosmovision. Er setzt sich dafür ein, katholischen Glauben und traditionelle andine Volksfrömmigkeit zu verbinden. Dass er dabei auch auf Widerstand in der katholischen Amtskirche stößt, überrascht nicht. Er wird die „Mesa“ bei der Aymara-Familie feiern. Als wir dort ankommen, ist es stockduster und es fällt Schneeregen. Bei der Familie ist der Strom ausgefallen, irgendwo hat der Blitz eingeschlagen. Wir treten ein in das kerzenerleuchtete Haus und werden, wie immer in Bolivien, mit offenen Armen empfangen. Keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht, wenn eine Horde mit Kameras und Mikrofonen bewaffnete Journalistengruppe aus Deutschland einfällt.

Die Mesa mit Diakon Calixto.

Im Haus hat die Familie einen Altar aufgebaut, darauf Berge von Brot, Bananen und anderen Leckereien. Bestimmt sind die Gaben für das Familienoberhaupt Mario, der im vergangenen Jahr gestorben ist. Die Aymara glauben, dass an Allerheiligen die Toten zurückkehren, gemeinsam wird dann ein Fest gefeiert. Damit der Verstorbene aber kommt, müssen sie ihm etwas bieten, deshalb der überquellende Altar. Die „Mesa“ lässt sich hier in der Kürze kaum beschreiben, sie ist feierlich, es ist Platz für Trauer, aber auch für Freude über die Rückkehr von Mario. Er wird immer wieder lautstark begrüßt, die Männer spielen Flöte.

Das etwas andere Gastgeschenk

Irgendwann kommt dann der Ball samt Pumpe ins Spiel: Wir wollen der Familie etwas schenken, doch passt ein Fußball zu solch einem Anlass wirklich? Calixto ist fest davon überzeugt und ermutigt uns, den Ball zu überreichen. Mir fällt dankenswerterweise die Aufgabe zu, etwas dazu zu sagen. Da ich kein Spanisch und schon gar kein Aymara spreche, bin ich mir sicher, dass mich zum Glück niemand versteht. So ist es dann auch. Ich stammle also etwas von großer Ehre, dass wir bei der Feier dabei sein durften, dass in Deutschland alle Fußball spielen und dass wir deshalb der Familie als Zeichen er Verbundenheit einen solchen überreichen wollen. Meine Rettung ist Reiner von Adveniat, der schon all die Tage unter anderem als Übersetzer fungiert. Er dreht das Ganze so, dass wir den Ball dem Verstorbenen Mario mitgebracht haben, der unseres Wissens ja so gerne Fußball gespielt hat. Am Ende landen der blaue Ball und die Pumpe auf dem Altar, wo sie etwas deplatziert wirken. Doch die Reaktion der Familie ist überwältigend, alle sind gerührt, mehrfach werde ich umarmt, obwohl wir nicht wirklich wussten, wie unser exotisches Geschenk für den Verstorbenen ankommen würde. Anschließend geht die Feier weiter, wir machen und allmählich auf den Heimweg, vermutlich steigt die Stimmung nach unserer Abfahrt noch deutlich. Zurück bleiben Ball und Pumpe. Die Enkel von Mario werden unser Geschenk  bestimmt zu nutzen wissen. Und ihr Opa Mario wird dabei sein, wenn sie kicken, da bin ich mir sicher.

Text: Martin Sauter
Fotos: Carolin Kronenburg