Der Haiti-Effekt

„Was für eine Bruchbude“, schimpfte ich am ersten Abend über das kleine Hotel in Port-au-Prince, in dem ich untergebracht war. Kein Telefon auf dem Zimmer, ein so lahmes Internet, dass selbst der Versuch, Mails zu lesen, kläglich scheiterte, ein Fernseher mit drei Kanälen und nur zeitweise mit Ton, ein wackeliger, ausrangierter Tisch und eine längst durchgebrannte Neonleuchte am Bett – für stolze 75 Dollar die Nacht. Ein Preis, der in Haiti stets proportional ist zur Anzahl von Ausländern, die gerade im Land sind. Derzeit sind es viele. 2004, inmitten der Unruhen, in denen schließlich Präsident Jean-Bertrand Aristide stürzte, wagte sich kaum einer ins Land. Dementsprechend kosteten die Hotels 40 Prozent weniger.

Doch nach einem Tag aufreibender Reportage in den Armenvierteln von Carrefour relativiert sich so einiges. Wenn man – wie die Haitianer – bei 40 Grad im Schatten durch improvisierte Lager stiefelt, über Müllberge klettert, Familien in ihren Zelten besucht, in denen acht Leute auf 2 mal 2 Metern wohnen und 50 Grad Hitze ertragen, wenn man mit ihnen im nächstgelegenen Fluss Wasser holt oder zwischen Dieselbussen durchhetzt, um über die Strasse zu kommen. Wenn die Stadt um sechs Uhr abends bei Einbruch der Dunkelheit in tiefe Finsternis eintaucht, weil es einmal wieder keinen Strom gibt. Wenn man dann ins Hotel kommt, weiß man es zu schätzen, dass es in der „Bruchbude“ einen Dieselgenerator gibt und eine Dusche mit warmem Wasser. Ich habe es den „Haiti-Effekt“ getauft.

Text und Foto: Sandra Weiss