Haiti: Der Kahlkopf mit Haaren

Nach zwei Jahren politischen Schwebezustandes tritt in Haiti heute Jovenel Moïse das Amt als Präsident an. Fotograf Martin Steffen und Journalist Michael Gösele sind vor Ort.
Jovenel Moise, Haitis neuer Präsident

Jovenel Moise, Haitis neuer Präsident

Wer genau hinschaut, sieht, dass da irgendwas komisch ist: Der Mann hat Haare! Ganz kurze nur, unscheinbar, aber er ist nicht das, was der Name seiner Partei verspricht – kahl. Denn Jovenel Moïse, der neue Präsident der Republik Haiti gehört der PHTK (Parti Haïtien Tèt Kale), der „Haitianischen Partei des Kahlkopfs“ an. Er gilt, glaubt man den Stimmen, die auf den Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince eingefangen werden können, als großer Hoffnungsträger dieses an politischen und naturbedingten Katastrophen nicht gerade armen Landes. Und die Sache mit den Haaren, das regt hier keinen auf. Wenn dies die einzige Unregelmäßigkeit des Politikers Jovenel Moïse sein sollte, dann wären die Haitianer dann doch schlimmeres gewöhnt. Gut zwei Jahre war das Land nun ohne rechtmäßig gewählten Präsidenten, Wahlen wurden verschoben und angefochten – eine Periode des Stillstands, nach innen wie nach außen.

Die Menschen auf Haiti wünschen sich, dass es endlich losgeht. Das irgendwas losgeht. Und so bekommt man bei Gesprächen mit Einheimischen den Eindruck, als hätte Jovenel Moïse, der sich zuvor als Unternehmer mit dem Anbau und Vertrieb von Bananen verdingt hat, ein Ergebnis wie weiland in der DDR erhalten hat, 95 Prozent mindestens. Aber es waren, bei einer Wahlbeteiligung von nur 21 Prozent, 55,7 Prozent der Wählenden, die ihm ihre Stimmen gegeben haben. Das scheint vergessen. Irgendwie sind sie jetzt alle Moïse. Weil das Amt des Präsidenten endlich wieder ein Gesicht bekommen hat – ein demokratisch gewähltes überdies. Und weil der politische Quereinsteiger Jovenel Moïse nicht den Stallgeruch seiner Vorgänger hat, der vielen Menschen buchstäblich gestunken hat.

Heute wird er feierlich in sein Amt geführt. Ein Amt, das ihn fünf Jahre lang in Atem halten wird, so viel steht fest. Denn die Hoffnungen der Menschen sind groß. Viel zu groß womöglich. Das kann zur Bürde werden für Jovenel Moïse, dem Kahlkopf mit den kurzen Haaren.

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Der Fotograf Martin Steffen und der Journalist Michael Gösele sind für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat nach Haiti gereist.