Die Autofahrt nach Miragoâne

Seit fast zwei Stunden ruckeln wir bereits über buckelpistenähnliche Straßen zur Schule „St. Michel“ in Miragoâne, im Süden Haitis gelegen. Ohweia! Da bin ich schon reisekrank, bevor ich ankomme. Gestern bin ich tatsächlich nicht zum Schreiben gekommen, weil ich gerade so ein tolles Buch lese: „Ein ganzes halbes Jahr“, und da will ich permanent wissen, wie es weitergeht, und ich kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen …

Ein Haus der an Straße nach Miragoâne: Motorräder und Taxisbusse sind in haiti wichtige Transportmittel, viele Menschen müssen aber auch schwere Lasten zu Fuß transportieren.

Ein Haus der an Straße nach Miragoâne: Motorräder und Taxisbusse sind in haiti wichtige Transportmittel, viele Menschen müssen aber auch schwere Lasten zu Fuß transportieren.

Eine Schwester begleitet mich dorthin, damit, falls es auf der Straße zu anderen Schwierigkeiten kommen sollte als meiner Übelkeit, wie zum Beispiel eine Demonstration gegen die aktuellen politischen Verhältnisse, jemand dabei ist der a) Kreolisch spricht und b) mir helfen kann. Die Örtchen, oder besser gesagt Häuseransammlungen, durch die wir fahren, sind sämtlich vermüllt. Die Häuser sehen so aus, als wären sie noch im Rohbau, sind aber dennoch bewohnt. Manchmal sind man noch Ruinen von Häusern, die beim Erdbeben 2010 zerstört wurden. Die Bewohner halten sich fast alle an der Straße vor ihren Häusern auf. Manche haben trotz ihrer dunkelbraunen Hautfarbe einen fahlen Teint und gelbliche Augen und sehen sehr krank aus. Wie üblich, verbrennt hier und da ein Haufen Müll auf offener Straße. Am Straßenrand steht eine Frau und sieht, dass ich weiß bin. Sofort beginnt sie, wild zu gestikulieren, um mir zu bedeuten, dass sie Hunger hat. Hunger haben hier viele.

Haiti ist unglaublich schlecht strukturiert, was die Wirtschaft betrifft: es gibt unglaublich viele Arbeitslose, kaum Arbeit. Hier wird kaum etwas produziert, außer Mangos und Kaffee, der angebaut wird und anschließend exportiert wird. Tourismus? In Haiti gibt es aufgrund der instabilen politischen Lage und großer Unzufriedenheit in der Bevölkerung oft Unruhen, Ausschreitungen und Demonstrationen. Wer möchte schon seinen Urlaub dort verbringen, wo die Straßen unsicher sind? Das Auswärtige Amt in Berlin hat sogar eine Reisewarnung für einige Regionen des Landes ausgesprochen. Adveniat hat auf der Seite „Blickpunkt Lateinamerika“ Vieles über die Situation in Haiti berichtet, zum Beispiel über die aktuelle Übergangsregierung.
Sobald man durch eine Ortschaft etwas langsamer fährt, drängen sich Händler mit Mangos und Getränken wie Cola, Wasser oder Bier an das Auto und klopfen von allen Seiten an die Scheiben. Besonders interessant ist es, wenn es gleich vier Händler mit Mangos gleichzeitig auf der Straße sind – aber nur ein Auto. Ein Wunder, dass sie noch nicht überfahren worden sind. Auf der Hauptstraße fährt es sich dann ein bisschen schneller. Es wird permanent gehupt und überholt – und für diese Straßenverhältnisse recht halsbrecherisch gefahren. Die meisten Überholmanöver gleichen einem „Fastunfall“, weil zumindest einer der Fahrer stark abbremsen muss. Mich wundert, dass ich bisher noch keinen einzigen Unfall gesehen habe
Überholt wird, glaube ich, schon aus Prinzip, weil keiner hinter jemandem fahren will. Es riecht fies nach den Abgasen der großen LKWs. Ich will gar nicht wissen, was die hier alles in ihren Motoren verbrennen. Irgendwo im Nirgendwo sieht man Menschen, die schwere Lasten entlang der Landstraße auf dem Kopf transportieren. Die haben es bestimmt noch Kilometer weit bis zur nächsten Ortschaft. Mein Mund schmeckt bereits im Auto nach den Abgasen der LKW, wie mag es diesen Menschen erst ergehen?

Die Busse und Tap-Taps sind in Haiti mit religiösen Motiven verziert. Fotos: Habermann

Die Busse und Tap-Taps sind in Haiti mit religiösen Motiven verziert. Fotos: Habermann

Alle paar Minuten kommt ein Taxibus, der eindeutig überladen ist mit Menschen. In Haiti werden sie „Tap-Tap“ genannt. Die Mitfahrer sitzen sogar auf dem Dach oder hängen sich von außen an das Gefährt und halten sich irgendwo fest – über Stunden, um von A nach B zu kommen. Auf den meisten Tap-Taps stehen Sätze wie „Merci Jesus“ oder „Dieux est avec nous“ (Gott ist mit uns). Ohne diese Versicherung, dass alles gut wird, darf man so ein Gefährt glaube ich gar nicht besteigen. Die Motorradfahrer fahren alle ohne Helm, und in der Regel sitzen auf einem Motorrad mindestens drei Leute, wenn nicht gleich vier. Ich hab hier auch schon Mama, Papa, und drei Kinder auf dem gleichen Motorrad sitzen sehen. Ob man dann noch gut lenken, kann finde ich fraglich. Aber sie scheinen es hinzubekommen.
Eigentlich sollte ich ab Sonntag zu Schwester Claudette ziehen, in ein anderes Schwesternhaus, wo aber nur zwei Schwestern und zwei Novizinnen wohnen. Ich würde die Gesellschaft der Kinder und der lustigen Novizinnen aus meinem Schwesternhaus vermissen, und der unglaublich schöne Garten, der so ruhig und meditativ ist, wenn gerade kein Hahn kräht, würde mir doch sehr fehlen. Deshalb werde ich wohl doch durchgehend in Léogâne bleiben und nur zum Arbeiten in die Schule von Schwester Claudette gehen, um dort mit den Kindern ein wenig zu arbeiten und sie zu unterhalten. Heute in der Schule St. Michel wollten die jüngeren Kinder alle gleichzeitig anfassen, um sich zu überzeugen, dass weiße Haut sich genauso anfühlt wie farbige. Sie stutzten über die braunen Leberflecken und fanden es interessant, dass man an den Knöcheln meiner Finger das Blut rötlich durch die Haut schimmern sah. Eine Traube von zehn begeisterten Jungs und Mädchen hing an meinen Armen, während ich das Schulgelände besichtigte. Ansonsten habe ich wieder das Übliche mit den Kindern gemacht: Gebastelt, gesungen und ihnen ein bisschen von Deutschland erzählt und ihnen beigebracht, wie man auf deutsch „Guten Tag“, „Danke“ und „Tschüss“ sagt. Tschüss können sie bereits erstaunlich akzentfrei sagen.