Delegations-Reise: Die Landfrage in Paraguay

Angekommen in Paraguay. Die ersten 24 Stunden Reise liegen hinter der Delegation um Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck, der auf seiner Reise nach Paraguay im unmittelbaren Vorfeld des Weltjugendtages von Jugendbischof Karl-Heinz Wiesemann (Speyer) begleitet wird. Nach kurzem Stopp im Priesterseminar, um einen Großteil des Gepäcks zu deponieren, geht weiter in den Süden des Landes, nach Encarnación an der Grenze zu Argentinien.

Dieses Land scheint endlos. Auf den immens großen Weiden der Pampa, zur Nationalstraße 1 mit Kilometer langen Zäunen abgegrenzt, grasen große Rinderherden. Dazwischen immer mal wieder ein Dorf, und je weiter die Reise nach Süden geht, Silos für Getreide, Soja und Reis. Am Rand der Straße, vor den Zäunen, sind Rinder und Ziegen angepflockt und grasen auf dem Seitenstreifen. Es sind die Tiere der landlosen Bauern, die nicht auf die schier endlosen Weiden der Großgrundbesitzer dürfen.

Risiege Weideflächen prägen die Fahrt von Asunción nach Encarnación. Für die Kleinbauern bleibt aber kein Raum.

Risiege Weideflächen prägen die Fahrt von Asunción nach Encarnación. Für die Kleinbauern bleibt aber kein Raum.

Paraguay wächst im Agrarsektor. Die Siloanlagen sind brandneu und glänzen in der Sonne, während große LKW Soja einladen. Paraguay – ein kleines Land mit 6,6 Millionen Einwohnern – ist der weltweit viertgrößte Exporteur von Sojabohnen. Und es exportiert mehr Rindfleisch als Argentinien. Das bringt Wohlstand, in der Hauptstadt wird an allen Ecken und Enden gebaut, neue Hotels, Einkaufszentren, Privathäuser. Und dennoch: In diesem 6,6-Millionen-Einwohner-Land, das Nahrungsmittel für 50 Millionen Menschen produziert, sind ein Viertel der Bevölkerung unterernährt. Vergleichbar ist dies mit dem Tschad oder Angola.

Grund dafür ist die weiter voranschreitende Konzentration von Land in den Händen Weniger. In den letzten zehn Jahren haben durchschnittlich 10.000 Familien ihr kleines Einkommen in der Landwirtschaft an die Sojaindustrie verloren.

In Encarnación berichtet Schwester Claudia von den Steyler Missionarinnen vom Kampf der Guaraní-Indígenas um ihr Land, das immer stärker von den Großgrundbesitzern bedroht ist. Die Indianerpastoral der Kirche erhebt die Stimme, klagt gegen Landnahme und Vertreibung der Ureinwohner, doch Vieles bleibt vergeblich.

Bischof Ignacio Gogorza, seit 2004 Oberhirte des Bistums Encanación, ist engagiert, ja stetig eingebunden in den Kampf um das Land. Er verweist auf die Vertreibungen von 50.000 Menschen, als vor zwei Jahren mit dem Yacyretá-Staudamm der Paraná-Fluss weite Teile der Stadt Encarnación unter Wasser setzte. Die Menschen seien nicht gefragt worden.

Die Adveniat-Delegation um Bischof Franz-Josef Overbeck und Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka infomierte sich in Encarnación über die Situation der Guaraní-Indianer.

Die Adveniat-Delegation um Bischof Franz-Josef Overbeck und Adveniat-Geschäftsführer Bernd Klaschka infomierte sich in Encarnación über die Situation der Guaraní-Indianer.

Ingenieur Victoriano Vázquez hat das gigantische Unternehmen kritisch begleitet und beklagt nicht nur die Umsiedlung der Menschen, die ihre Heimat, ihre Geschichte und oft auch ihre Arbeit verloren hätten. „Der Stausee hat kaum fließende Gewässer und zu wenig Tiefe, er ist eine ideale Brutstätte für Moskitos und Krankheitserreger.“ Der Staat Paraguay, gemeinsam mit Argentinien Bauherr und Träger des Staudamms, der 1994 begonnen wurde und seit 2011 jährlich 3100 Megawatt Strom erzeugt, hat zwar viel in Straßen, Beleuchtung und sogar einen Sandstrand am Ufer des neuen Sees investiert. Doch Victoriano Vázquez ist sich sicher: „Es droht eine Umweltkatastrophe. Der See kann, wenn nicht genau auf die Abwässer und Einleitungen geachtet werden, umkippen.“

Christian Frevel