Die Namen der Armut

Religionspädagogin Christl und ich haben uns ein Auto geliehen und fahren in die Barrios draußen am Stadtrand von Moreno. Die Strassen sind ungeteert, die Menschen wohnen in Baracken. Es stinkt erbärmlich. Blut und Abfall vom nahegelegenen Schlachthof werden hier einfach ausgekippt. „Der Schlachthof verpestet die ganze Gegend“, sagt Christl. Bei ungünstigem Wind rieche man es auch bei ihr zu Hause.

Jugendliche hängen rum. Viele von ihnen rauchen die Droge Pacco, ein todbringendes Abfallprodukt aus der Kokainherstellung. Macht sofort süchtig und zerfrisst das Nervensystem. Diese Armenviertel meidet, wer kann. Christl nicht. Ein Mal in der Woche besucht sie die Frauen im Comedor, in der Armenküche. „Aber nachts fahre ich hier nicht einmal mit dem Auto durch.“

Auf dem Weg zur Küche halten wir vor einer heruntergekommenen Hütte. Christl hupt. Nach kurzer Zeit drücken sich vier, fünf, sechs Kinder die schmutzigen Nasen an den Fensterscheiben platt. „Chris, Chris!“, rufen sie. Wir steigen aus. Die 55-Jährige wird umarmt und – wie es hier üblich ist – auf die Wange geküsst.

Stolz zeigt uns Mama Gabriela den jüngsten Sprössling der Großfamilie. Santiago ist vier Wochen alt. An der rechten Hand baumelt ein sechster Finger. „Das gibt es hier oft“, sagt Chrisl und drückt den Kleinen an sich. „Que lindo, wie süß!“ Dann stellt sie mir die zerzauste Kinderschar vor: Natalia, Sergio, Jorge, Alejandra, Soledad und Jeremias. Ich verliere den Überblick. Alle sind irgendwie miteinander verwandt. Alle wohnen hier. Alle sind es aber noch gar nicht – es fehlen … (ich habe die Namen vergessen).

Wir fahren weiter zum benachbarten Comedor. Die Rasselbande rennt hinterher. Und irgendwie werden es immer mehr. „Normalerweise dürfen sie das Stück im Auto mitfahren“, sagt Christl. Die gebürtige Bayerin kann jedes Kind beim Namen nennen, „das hat für mich mit Respekt zu tun“.

Drinnen kochen zwei Mütter. Beim Blick in den verbeulten Topf ertappe ich mich beim Gedanken, nichts angeboten bekommen zu möchten. Derweil durchwühlen die Kinder die Kleidersäcke im Nebenraum. Gelächter bei der einen oder anderen Anprobe. Wir verabschieden uns – mit Nikon-Kamera sollte man hier nicht zu lange rumlaufen.

Mitgebracht habe ich von diesem Ausflug keinen launigen Blog-Eintrag. Heute Abend übe ich mich auch nicht in journalistischer Distanz. Mir geht es schlecht. Weil die Armut so viele Namen hat.