Dieser Abschied wird mein Herz zerreißen

Jonas Maxein (20 Jahre, Bild: 3. v. r.) aus Neuwied verbringt seinen Freiwilligendienst in Paraguay. Dort unterrichtet er benachteiligte Kinder im Trompetespielen. In seinem neuesten Blogbeitrag schaut er dem baldigen Ende seines Abenteuers entgegen und erklärt, was er am meisten vermissen wird.

Die Zeit rast

Es ist unglaublich, wie die Zeit verfliegt. Das Ende meines Freiwilligenjahres rückt gefährlich nahe, aber richtig bewusst ist mir das erst letztens geworden. Ich bin schon so lange hier in Paraguay, dass ich bereits den zweiten Blogbeitrag für den Adveniat-Blog verfasse. Ich bin bereits schon so lange hier, dass ich bei Filmen keine Untertitel mehr benötige, um sie zu verstehen. So lange, dass ich zu einem Großteil vergessen habe, wie Deutschland ist. So lange, dass ich mich mit den meisten Paraguayern ohne Probleme verständigen kann und sie manchmal sogar erst später merken, dass ich einen ausländischen Akzent habe. Und das obwohl ich ohne Spanisch hier angekommen bin.

Dass mein Rückflug immer näher rückt, war mir schon lange klar. Dass dieses Datum aber gefühlt gnadenlos auf mich zurast ist mir aber erst seit dem wundervollen Seminar #SuenaYaguarón bewusst. Es war bereits schon ein wenig wie ein Abschluss meines Freiwilligenjahres, obwohl noch über ein Monat fehlte. Wieso? Das erkläre ich euch jetzt.

„Wie viele Herzen hast du denn heute gebrochen?“

Über mein Projekt „Sonidos de la Tierra“ habe ich bereits Anfang meines Freiwilligenjahres viele Freunde in ganz Paraguay machen können. Leider hatte ich nie die Möglichkeit all diese Personen erneut zu treffen, bis zu diesem Seminar neun Monate später. Ich war sehr gespannt, denn neben vielen bekannten Gesichtern würden wir wohl über 1000 Musiker sein, die zusammen als Mega-Orchester ein Konzert geben. Ich war baff, als ich die ganzen Stühle sah, und umso mehr baff, als sich diese Stühle mit so vielen Musikern füllten. Ich bin bereits über die Hälfte meines Lebens Musiker, doch sowas habe ich bisher noch nicht gesehen. Und zwischen all diesen Menschen lief ich ab und zu dem ein oder anderen Bekannten über den Weg. Manche begrüßten mich sogar mit meinem Namen, aber manchmal kamen auch ganz Unbekannte auf mich zu und wollten ein Foto mit mir. Ich denke, ich weiß jetzt, wie Ed Sheeran sich fühlt. Als ich wieder Zuhause war, fragte meine Gastschwester mich sogar, wie viele Herzen ich denn diesmal gebrochen hätte.

 

Das Problem: der Abschied

Dieses Seminar war für mich wirklich wundervoll, weil wir so viele Musiker waren, die sich alle auf Anhieb verstanden. Dieses besondere Feeling, das bei solchen Events immer entsteht. Es war eine Stadt im Ausnahmezustand. Überall gab es Musik, gesperrte Straßen, Streetfood und Musiker, die herumliefen, wenn nicht gerade Probe war. Neben meinen alten Freunden, die ich wiedergetroffen habe, habe ich natürlich auch neue Freunde gemacht. Das Problem: der Abschied. Für die Meisten war der letzte Tag des Seminars gleichzeitig auch der letzte Tag, an dem man sich sah. An diesem Tag selbst war mir das gar nicht so klar. Erst am Nächsten, als ich dann wieder zuhause war. Ebenfalls wurde mir klar, dass ich mich nicht nur von meinen Freunden außerhalb meiner Stadt verabschiedet hatte, sondern dass ich mich sehr bald auch von meinen Freunden in Encarnación verabschieden muss …

Ich weiß jetzt schon, dass dieser Abschied mein Herz zerreißen wird. Ich werde so viele Menschen und Sachen vermissen, das kann ich mir bisher kaum vorstellen. Das Essen, die Menschen, meine Freunde, die Stadt, die Musik ganz klar. Ob ich hier weg will? Nein. Ob ich Deutschland wiedersehen will? Ja. Fazit: schmerzhaft. Ich denke, es wird gefühlt wie eine Heimat zu verlassen, denn ich habe mich hier so sehr eingelebt, so sehr vergessen, wie Deutschland ist und tickt, sodass ich mich hier wunderbar wohlfühle. Als ich hier ankam, gab es dauernd Situationen, die mich gestört haben, die mich verwunderten und beeindruckten, Situationen, die es zuletzt vor 50 Jahren in Deutschland gab oder noch nie gegeben hat. Einfache Sachen wie Pferdekutschen oder ein Grenzübergang mit Reisepass und Einreisestempel. Für jemanden wie mich, der zwar viel gereist ist, aber noch nie die EU verlassen hatte, etwas Besonderes.

All diese Sachen fallen mir längst nicht mehr auf, so sehr sind sie zur Normalität geworden. Vielleicht bekomme ich einen Kulturschock bei der Rückkehr nach Deutschland. Am ehesten wohl von der Ordnung und Pünktlichkeit, aber ganz bestimmt werde ich ab sofort den Wohlstand Deutschlands zu schätzen wissen. Nicht zu vergessen die Vorteile der EU, über die ich mir vorher machte ich mir kaum Gedanken gemacht hatte.

Text/Fotos: Jonas Maxein

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