Ecuador: Auf den Spuren eines Märtyrers

Wenig erinnert bei Kilometer 50 an der Via Auca, die tief in den Urwald Ecuadors führt, an das, was sich hier vor fast 30 Jahren ereignete. Zusammen mit dem Kapuziner Txarli Azcona klettern wir einen Hügel hoch durch kniehohe Gräser und Matschpfützen. Die Mücken freuen sich über die seltene Anhäufung weißer, europäischer Beine. Oben erreichen wir einen verlassenen kleinen Platz, dessen Asphaltränder schon ausgefranst sind. Um uns herum die grünen Weiten des Amazonas.

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Kapuziner Txarli Azcona auf dem Hubschrauberlandeplatz, von dem einst Bischof Alejandro Labaca und Schwester Inés Arango in den Urwald flogen und wenige Stunden später tot waren. Foto: Pohl/Adveniat

Von hier flogen am 21. Juli 1987 Bischof Alejandro Labaca und Schwester Inés Arango mit einem Hubschrauber in den Urwald. Wenige Stunden später sind sie tot. Getötet durch zahlreiche Lanzenstiche. Thomas Jung, der mit uns reist, erinnert sich selbst noch gut an diesen Tag. Damals war der Bildungsreferent von Adveniat kurz davor, seine Arbeit als Laienmissionar in Kolumbien aufzunehmen. Die Nachricht vom Tod der beiden habe viel Häme und Unverständnis produziert, erzählt er. Das Risiko sei absehbar gewesen, sagten damals viele; wer unkontaktierte Völker gegen ihren Willen aufsucht, müsse mit so etwas rechnen.

Doch die Geschichte ist eine ganz andere: Bereits in den 1960er Jahren beginnen Erdölgesellschaften, sich immer tiefer in den Amazonas hinein zu fressen. Zur gleichen Zeit startet der spanische Kapuziner Alejandro Labaca dort seine Missionsarbeit, vor allem die Indígenas liegen ihm am Herzen. Er sucht Kontakt zum Volk der Huaorani, gewinnt ihr Vertrauen und lebt mit ihnen ihr einfaches, traditionelles Leben. Auch nach seiner Ernennung zum Bischof des Apostolischen Vikariates von Aguarico im Tiefland von Ecuador 1984 sind es vor allem die Rechte der ethnischen Minderheiten, um die er sich kümmert und die er gegen die Begehrlichkeiten von Regierung und Erdölgesellschaften verteidigt.

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Alejandro Labaka und Inés auf dem Hubschrauberlandeplatz. Foto: Vikariat von Aguarico

Alle rieten ihnen von dem Vorhaben ab

Doch letztere rücken immer weiter vor, auch in das Gebiet des Stammes der Tagaeri, die bislang keinerlei Kontakt zur Außenwelt hatten. Monseñor Alejandro – wie ihn hier alle nennen – und Schwester Inés wollen den Konzernen zuvorkommen, die Tagaeri warnen, eine einvernehmliche Lösung suchen. Ein heikles Unternehmen. Trotz der jahrelangen Arbeit mit den Indianern hatten auch sie niemals Kontakt zu ihnen. Alle raten den beiden von dem Vorhaben ab. „Wenn ich nicht gehe, werden sie sie töten“, sagt der Bischof. Er und Schwester Inés bezahlen diese Entscheidung mit dem Leben. Ob die Tagaeri sie für Feinde hielten oder die beiden Opfer einer Stammesfehde wurden, ist bis heute nicht geklärt.

Für die Kapuziner ist Monseñor Alejandro heute ein Vorbild und ein Märtyrer. „Der Hubschrauberlandeplatz ist für uns auch ein Symbol dafür, in den Amazonas raus zu gehen, um die Indígenas und ihre Rechte zu verteidigen“, sagt Kapuziner Txarli Azcona. Eine kleine Pilgerstätte wollen er uns seine Mitbrüder auf dem nackten Asphaltplatz errichten. Und wie die meisten Gläubigen hier wartet auch er sehnlichst auf eine Seligsprechung des ehemaligen Bischofs.

Wenn wir in wenigen Tagen weiter nach Rocafuerte reisen, werden wir Padre José Miguel Goldáraz treffen, der damals in einer nicht minder gefährlichen Aktion die Leichen der beiden barg. Ob er wohl noch mal bereit ist, uns von den Ereignissen von damals zu erzählen?