Ecuador: Donaciones

An dem ersten Samstag meines Aufenthalts in Ecuador wurde ich von Schwester Ingrid, bei der ich wohne, gefragt, ob ich bei den „donaciones“ mithelfen wolle. Bei den donaciones oder auch Spenden werden ähnlich wie bei der Tafel in Deutschland gerade abgelaufene Lebensmittel von einer großen ecuadorianischen Supermarktkette gespendet. Da das Centro Infantil Retoňitos, an dem ich diese drei Monate arbeite, für möglichst alle Kinder offen sein möchte, ist der Beitrag, den die Eltern zu zahlen haben verhältnismäßig gering, dafür muss an so mancher Stelle gespart werden. So wird zum Beispiel das Mittagessen für die Schulkinder der Nachmittagsbetreuung ausschließlich aus den samstags eingesammelten Spenden erworben. Die donaciones verlaufen jede Woche wie folgt: Zunächst werden zwei bis drei Frauen des Centros von einem Mann mit eine kleinen Laster abgeholt und auf der Ladefläche des Fahrzeugs zu einem Lager der Supermarktkette, die circa eine Stunde von Quito entfernt, ist gebracht. Dort werden alle Organisationen/ Vereine/ Institutionen, die an diesem Tag an den donaciones teilnehmen wollen registriert, sodass alle gleichmäßig viel Lebensmittel bekommen.

Essenverteilzentrum in Kolumbien. Foto Achim Pohl

An besagten Freitag waren wir zu neun Parteien und wir hatten die Nummer drei. Ich weiß nicht genau, wie ich mir den Ablauf der Spenden vorgestellt hatte, allerdings bei weitem nicht so stressig, ermüdend und schmutzig. Die Lebensmittel wurden von den örtlichen Gabelstaplern heran transportiert und sofort aufgeteilt. Wann immer „¡tres!“ gerufen wurde, mussten wir los rennen und uns unsere Kiste oder unsere einzelnen Lebensmittel abholen, zu unserem Laster hieven, dort in unsere mitgebrachten Kartons umfüllen und schon wieder los rennen. Die Frauen des Centros hatten sichtlich ein System für die Anordnung der verschiedenen Lebensmittel, was ich aber in all der Eile und mangels genügender Spanischkenntnisse nur mühsam durchschaute. Die hektischen Rufe „¡Ayudame!“, „¡No, porallá!“ oder immer wieder „¡Tres!“ taten ihren Beitrag, um mich noch weiter aus dem Konzept zu bringen. Am Ende des Tages war ich in jeglicher Hinsicht fertig, verschwitzt und dreckig von nicht-eingepackten und zum Teil verschimmelten Lebensmitteln. Auch wenn ich an vieler Stelle wohl mehr im Weg stand, als wirklich eine Hilfe zu sein, war der Anblick einer schwitzenden, körperlich-hart-arbeitenden Gringa (Universalwort für alle Weißen, wenn auch ursprünglich nur für US-Amerikaner gemeint) den Blicken nach zu beurteilen eher ein seltenes Phänomen in Ecuador.

Hannah Simon