Ecuador: Insbesondere die Mädchen werden vernachlässigt

In Quito hat man das Gefühl, dass überall Kinder um einen herum wuseln – nicht nur am Centro, sondern auch in der Stadt, im Bus, beim Einkaufen und in der Nachbarschaft. Das liegt an der jungen Demographie Ecuadors, in dem 30 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist. Doch vermutlich gerade auf Grund der hohen Anzahl an Kindern werden sie als entbehrlicher angesehen und haben einen geringeren Stellenwert in der Gesellschaft Ecuadors. Insbesondere die Mädchen werden vernachlässigt, da Ecuador noch immer stark vom Machismo geprägt ist. Dieser ist auch Ursprung der hohen Anzahl an Kinder, da weiterhin das Bild der Frau als Mutter propagiert wird. Doch auf Grund der weit verbreiteten Armut in Ecuador müssen die Mütter trotz traditioneller Rollenverteilung meist arbeiten gehen, sodass ihre Kinder oft den ganzen Tag in Kindergärten verbringen, wenn sich die Eltern das leisten können. „Me da pena“ – „Es schmerzt mich“, kommentiert Hermana Ingrid die Situation vieler Kinder, die an häuslicher Gewalt und fehlender Bildung zu leiden haben. Zwar hat die Regierung unter Rafael Correo die Staatsausgaben für Bildung in den vergangen Jahren erhöht, sodass die Schulpflicht für alle Sechs- bis Vierzehnjährigen realisierbar wird, doch das Problem des Machismo besteht weiter.

Das Centro Infantil Retoňitos bietet daher einen Zufluchtsort für die Kinder. „Wir sagen Ihnen, dass sie intelligent sind und zeigen ihnen, dass sie geliebt werden“, äußert Hermana Ingrid sich über die Einstellung der am Kindergarten und in der Hausaufgabenbetreuung helfenden Frauen, die versuchen, die Defizite mancher Familienverhältnisse aufzuarbeiten. Die Centro Infantiles, die es nicht nur in der Comuna Alta gibt, sondern über das ganze Land verteilt sind, sind ebenfalls aus einer Initiative der Correo Regierung entstanden und folgen demselben pädagogischen Prinzip, das in Kuba entwickelt wurde. Von 08:00 bis 15:30 Uhr sind die Kinder in der Obhut der Erzieherinnen, die nicht nur mit ihnen spielen, sondern auch mehrere Mahlzeiten bereiten und einfache Dinge (wie die Wochentage, verschiedene Berufe oder Farben) unterrichten. Nachmittags erhalten die Schulkinder Hilfe bei ihren Hausaufgaben und neuerdings mit meiner Unterstützung auch etwas Englisch-Nachhilfe. In der Regel bleiben sie bis circa 16:30 Uhr, doch sollten sie länger brauchen, ist immer noch jemand dort. Aber obwohl es eine anstrengende, oft nervenzehrende und ermüdende Arbeit ist bis zu 60 Kleinkinder und 30 Schulkinder zu unterhalten, so ist sie doch genauso lohnenswert und erfreulich.

Text und Fotos: Hannah Simon

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Hannah Simon studiert “Literatur, Kultur und Medien” an der Universität Siegen.
Im vergangenen Jahr hat sie ein mehrwöchiges Praktikum bei Adveniat gemacht.
Im Adveniat-Blog berichtet sie von ihrem Aufenthalt in Quito.