Ecuador: Rebellen und Urwald-Duschen

Vier Stunden sind wir unterwegs in einem vollgepackten Kanu, das sich den Río Bobonaza hinab schlängelt. Unser Ziel ist die 1500-Seelen-Gemeinde Sarayaku, die in einer der wenigen noch unberührten Regionen des Amazonasbeckens liegt, ganz im Osten Ecuadors.

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Eine Solaranlage mitten im Regenwald sorgt für Strom und mit ihrer eigenen Webseite suchen die Dorfbewohner internationale Öffentlichkeit. Fotos: Achim Pohl

Sarayaku wird auch das „Rebelldorf“ genannt, weil sich die Menschen dort seit Jahrzehnten erfolgreich gegen die Begehrlichkeiten ausländischer Erdölfirmen wehren. Das Land gehört ihnen, doch darunter lagern riesige Erdölvorkommen, die der ecuadorianische Staat für sich beansprucht. Die Konflikte begannen, als dieser 1996 einem argentinischen Unternehmen die Förderlizenzen erteilte, ohne vorher die Gemeinde konsultiert zu haben. Militärs und Ölarbeiter drangen in das Land ein, Konflikte brachen im Dorf aus. Wir wollen nach Sarayaku, weil Adveniat in diesem Jahr seine Weihnachtsaktion unter das Motto „Bedrohte Schöpfung – bedrohte Völker“ stellt. Wir möchten mit den Menschen sprechen und wissen, wie sich Öldurst und Gewinnstreben auf den Amazonas und seine Bewohner auswirken.

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Zwischen Tradition und Moderne

Das Leben in Sarayaku verläuft in einer verblüffenden Mischung zwischen Tradition und Moderne: Die Menschen leben in einfachen Hütten unter Palmblätterdächern. Es gibt kein Telefon und nur selten Internet. Auf den Teller kommt, was Fluss und Feld hergeben: Maita zum Beispiel, ein Fisch in Palmenblättern gedünstet. Yuca oder Kochbananen. Und an Festtagen bemalen die Frauen ihre Gesichter mit schwarzen, filigranen Zeichnungen – ganz so, wie wir Weißnasen uns Indianer vorgestellt haben.

Doch als wir an einer Versammlung des Dorfrates teilnehmen dürfen, sehen wir erstaunt, wie die Vertreter vor ihren aufgeklappten Macboooks sitzen und ein Beamer die Präsentation über das Kawsay Sacha, das Konzept des „Lebendigen Waldes“, an die Lehmwand wirft. Eine Solaranlage mitten im Regenwald sorgt für Strom und mit ihrer eigenen Webseite suchen die Dorfbewohner internationale Öffentlichkeit.

Wohnen mit Termiten und Fröschen

Auch wir wohnen ungewöhnlich: In dem windschiefen Pfarrhäuschen von Padre Mauricio, ein Mitzwanziger, der genau genommen noch Diakon ist und bei dem wir uns bis zum Ende fragen, ob er seine Versetzung nach Sarayaku eigentlich als Herausforderung oder als Prüfung begreift.

_MG_4063Das feucht-warme Klima setzt jeder einzelnen Holzplanke des Gebäudes zu. Wenn wir genau hinschauen, können wir den Termiten bei der Arbeit zusehen. Die notdürftig mit ein paar Nägeln zusammen gebretterten Betten ächzen, wenn man sich darauf setzt. Die Dusche besteht aus einer Regentonne, notdürftig mit einer Plastiktüte abgetrennt und rückseitig freiem Blick auf den Amazonas. Doch die nächtliche Geräuschkulisse – das Quaken, Krähen und Schnalzen aus den Weiten des Regenwaldes ist Atem beraubend. Der Vollmond hängt so tief, als könnte man ihn vom Himmel pflücken.

2012 haben die Menschen in Sarayaku einen historischen Sieg vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte errungen. Dort bestätigte man der Gemeinde offiziell ihre Ansprüche auf das Land. Trotzdem müssen sie sich nach wie vor gegen die Einflüsse und Begehrlichkeiten von außen wehren, auch die Umsetzung der gerichtlichen Auflagen geht nur schleppend voran. Deswegen versucht die Gemeinde durch internationale Aufmerksamkeit und Medienberichterstattung den Druck auf die Regierung zu erhöhen. Und sie will mit maßvollem Tourismus eine alternative Einnahmequelle zum Erdöl schaffen.

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Das Rebellendorf wehrt sich

Das Konzept geht auf: Patricia Gualinga, eine der Vertreterinnen aus dem Dorfrat ist mittlerweile häufig geladener Gast auf internationalen Konferenzen, vor der UN hat sie schon gesprochen und auch bei der Klimakonferenz in Paris 2015 war sie als Rednerin. Und auch den einen oder anderen Touristen sehen wir zwischenzeitlich durch Sarayaku schlappen. Franzosen, Kanadier oder interessierte Wissenschaftler, die sich für eine Lebensweise interessieren, die so fern ist von dem, was wir gewohnt sind.

Warum ist der Fall Sarayaku so einzigartig? Wie haben es die Menschen geschafft, sich erfolgreich gegen die Ausbeutung ihrer Ressourcen zu wehren? Und woher kommen diese Entschlossenheit und diese Einigkeit, während sich andere Gemeinden häufig durch Geldgeschenke und falsche Versprechen spalten ließen? Das sind die Fragen, auf die wir hier Antworten suchen.