Haiti: Ein Leben im Müll

Es ist vier Jahre her, dass ich zuletzt in Petite Anse war, einem Viertel von Cap Haitien im Nordosten Haitis. Geändert hat sich wenig. Und das ist schlimm; denn Petite Anse ist ein „Bidonville“, ein ärmliches Viertel, das man sich gar nicht schrecklich genug vorstellen kann. Überall Müll, aus den gestampften Wegen lugen Kunststofffetzen, Tüten und sogar Reste einer Plastiksandale heraus. Der Boden gibt nach, wenn man ihn betritt, ähnlich einem Trampolin. „Unser ganzes Viertel ist auf Müll gebaut“, sagt Pfarrer Gélin Ste. Croix.

Es kommen zu viele Menschen nach Cap Haitien, weil das Leben auf dem Land den nachwachsenden Generationen keine Zukunft bietet. Eine Parzelle Land kann nur eine bestimmte Anzahl Menschen ernähren, und so suchen jährlich Tausende Menschen in der Stadt eine Zukunft. Das Erdbeben von 2010 hat die Situation verschärft, als Flüchtlinge aus der zerstörten Hauptstadt nach Cap Haitien kamen.

Petite Anse liegt am Meer, an der Bucht von Cap Haitien, wo bis in die 1970er Jahre hinein Kreuzfahrtschiffe aus der ganzen Welt anlegten. Jetzt liegen im Hafen nur noch rostende Schiffswracks. Auf dem sumpfigen Boden des Marschlands der Bucht kann man nicht bauen, und so wird Müll angeschüttet, damit neues Bauland entsteht. Die Menschen zahlen der Müllabfuhr Geld, damit sie den Dreck der Stadt auf der kleinen Parzelle ablädt, die sie erstanden haben. „A Vendre“, zu verkaufen, steht auf einem Schild, das mitten in einem abgesteckten Gelände steht, das voller Wasser und Müll ist, eine stinkende Brühe. Im Schlick sieht man Krabben und Krebse, und im Müll wühlen Schweine nach den Krustentieren. Daneben stehen bereits Hütten und Häuser, die kleinen Häuschen sind die Latrinen.

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Auch Gisèle Maurice wohnt hier. Vor acht Jahren ist sie aus Dondon, einem 35 Kilometer entfernten Dorf, nach Cap Haitien gekommen und hier gestrandet. Zwei Kinder hat sie, ihr Mann ist als Arbeiter in die Dominikanische Republik gegangen. Ihr Zuhause ist eine Hütte aus Wellblech, Holzplanken und Planen, die noch das Logo einer Hilfsorganisation tragen. Der Fußboden ist gestampft, man wohnt buchstäblich auf dem Müll. Es gibt hier weder Strom noch Wasseranschluss. Ein Tankwagen kommt täglich an den Rand des Bidonville und verkauft Trinkwasser. Zudem gibt es eine Pumpe, aber das Grundwasser ist salzig. Die Kinder schleppen große Wassereimer auf dem Kopf über wacklige Stege in die Hütten. Einige Kinder spielen nackt im Müll, der ihr Zuhause ist. Die meisten haben keine Schuhe. Auch ohne medizinische Studien erkenne ich Hautkrankheiten vor allem bei den Kleinsten.

Kinder gibt es zuhauf. Einige kommen aus der Schule, tragen stolz ihre Schuluniform. Doch das Schulgeld können sich die Familien nicht für alle Kinder leisten. Ein Großteil der Kinder wächst ohne Schulbildung auf, oft allein gelassen im Dreck des Bidonville. Die Frauen versuchen tagsüber, in der Stadt etwas Geld zu verdienen. Der informelle Handel mit den abertausenden Menschen, die am Rand der Straßen etwas verkaufen, ist die wichtigste Einkommensquelle für die Einwohner von Petit Anse.

Pfarrer Gélin Ste Croix ist seit drei Jahren in Petite Anse. Er wohnt in einem Zimmer im Haus der drei Ordensfrauen aus der Gemeinschaft von Ste. Thérèse, ein Pfarrhaus gibt es nicht. Der Bau dafür wurde begonnen, doch das weitere Geld fehlt. Die Pfarrkirche aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ist baufällig. Ein Teil musste gesperrt werden, weil das Dach einbrach. Doch sowohl die Kirche als auch die beiden kleineren Kapellen im Viertel, die er betreut, dienen als Notunterkunft, wenn es stark regnet und das Viertel überschwemmt. Große Not herrscht auch bei Springfluten, wenn das Meer in das Marschland hineindrückt.

Pfarrer Gélin Ste Croix hat sich bewusst für den Dienst her entschieden, „auch wenn mich viele Freunde gerade auch in Europa fragten, ob ich verrückt sei.“ Der 48-Jährige hat seine Studien in Fribourg zum Großteil in der Schweiz absolviert. Er ist überzeugt, dass die Kirche genau hier Präsenz zeigen muss, „an den Rändern der Gesellschaft“, wie es Papst Franziskus ausgedrückt hat.

Text: Christian Frevel
Fotos: Martin Steffen