Ein Sonntag in Haiti

Man merkt in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, sofort, dass Sonntag ist. Der Verkehr auf den Straßen ist nur halb so dicht, und das Leben beginnt deutlich später. Als wir an diesem Sonntagmorgen durch die teilweise sehr engen und steilen Straßen der Stadt in das Viertel Nazon fahren, begegnen uns Frauen und Mädchen mit Wassereimern auf dem Kopf. An den öffentlichen Wasserausgabestellen herrscht Hochbetrieb. Werktags beginnt das Gedränge hier schon vor Sonnenaufgang, doch heute stehen die Menschen auch noch kurz vor acht Uhr in den langen Schlangen. Mancher wäscht sich in den schmalen Gängen zwischen den Hütten und Zelten, in denen immer noch mehr als Zweihunderttausend Menschen seit dem Erdbeben leben.

Doch in diesem Gedränge herrscht Ordnung, und die Menschen, die sich anschließend auf den Weg in die Gottesdienste machen, haben sich in ihrem Sonntagsstaat herausgeputzt. Im Gegensatz zu der Zeit kurz nach dem Beben lächeln die Menschen wieder, man scherzt miteinander. Die Zeit des unmittelbaren Traumas nach dem Beben vom Januar 2010 scheint überwunden, wenn auch die Wunden tief sind.

Auch die Kirche „Antoine Marie Claret“ im Stadtteil Nazon war vom Beben zerstört worden. Nur wenige Monate zuvor war das Gotteshaus eingeweiht worden, berichtet P. Anibal Zilli, Claretinermissionar aus der argentinischen Provinz Santa Fé. „Die Girlanden der Eröffnungsfeier hingen noch, wir haben sie im Schutt wiedergefunden.“

Nazon ist kein reicher Stadtteil. Im Gegenteil. P. Anibal berichtet von der Armut als der größten Herausforderung für die Pastoral in der Pfarrei. Arbeitslosigkeit, Gewalt und Drogen bestimmten den Alltag. „Viele Menschen haben das Land verlassen, sind ins Ausland emigriert“, berichtet der Pfarrer. Ohne die Unterstützung dieser Auswanderer für ihre Familien daheim könnten die meisten hier nicht überleben.

Predigt unter Planen Predigt unter Planen Predigt unter Planen

Inzwischen haben die Menschen angepackt, um den Wiederaufbau der Kirche voranzutreiben. Ein Architekt, den Adveniat in Haiti über das Projekt „Proche“ gemeinsam mit der französischen und der US-amerikanischen Bischofskonferenz finanziert, soll den Wiederaufbau überwachen und dafür sorgen, dass das der begonnene Bau des Gotteshaus verstärkt und dann erdbebensicher fertiggestellt wird.

Zum Gottesdienst werden die Menschen von Freiwilligen empfangen, die große Schärpen mit der Aufschrift „Acceuil“ (Empfang) tragen. Alten Menschen helfen sie, zu den Sitzplätze zu gelangen, und sie weisen darauf hin, doch ein wenig enger zusammenzurücken, damit jeder Platz findet. Eine Musikgruppe und der Chor gestalten die Messfeier mit Trommeln, Gitarren und Gesang, und je länger der Gottesdienst dauert, um so mehr Menschen tanzen zu den Liedern in den engen Reihen zwischen den Bänken und Stühlen.

Vom Gotteshaus stehen bisher nur die Außenmauern, das Dach bilden große blaue Planen, die von einem Holzgerüst auf Bauträgern gehalten werden. An den Trägern hängen kleine Bronzetafeln mit Bildern des Kreuzwegs, der hier jeden Freitag gebetet wird. Im Keller der Kirche ist das Pfarrbüro, und geplant ist der Ausbau eines zweiten Geschosses, in dem Katechese- und Gruppenräume Platz finden sollen. Vielen, so berichtet der Pfarrer, geht der Wiederaufbau nicht schnell genug – aber manches, was im guten Willen schnell errichtet wurde, entspricht nicht den Ansprüchen an erdbebensicheres Bauen.

Jeder möchte mithelfen beim Wiederaufbau der Kirche, und so ist auch der Gang zur Sonderkollekte zum Wiederaufbau der Kirche für alle ein Bedürfnis. Der Kollektenkasten wird vor dem Altar bereitgehalten, und anders als in Deutschland gehen die Menschen zur Kollekte hin, machen sich auf den Weg Richtung Altar, um ihre Gabe zu bringen.

Nein, die Hoffnung habe er nicht verloren, meint P. Anibal Zilli, der schon seit 15 Jahren in Haiti ist. Im Gegenteil: Papst Franziskus zeige den Menschen, dass es wichtig sei, den Glauben so zu leben, dass man miteinander teile. Und genau dies geschehe doch hier, in Nazon.

Text: Christian Frevel
Fotos: Martin Steffen