Eine Journalistin, die sich mit den Armen gemeinmachte

Für Maria-Christine Zauzich war Guatemala der Lebensinhalt

Eigentlich wollte sie nur zwei Jahre bleiben. Doch Guatemala wurde ihr Schicksal, ihr Lebensinhalt. Als Maria-Christine Zauzich 1985 beschloss, als freie Journalistin in das mittelamerikanische Land zu gehen, um von dort aus über Themen aus ganz Lateinamerika zu berichten, war dies ein Sprung ins kalte Wasser. Die in Oberfranken geborene Journalistin hatte bei der FAZ als Redakteurin für Kirchenfragen gearbeitet, hatte das Ressort „Theologie und Kirche“ des Rheinischen Merkur geleitet. Ihre Studien der Politikwissenschaften in München und London hatten sie für ihren Beruf fit gemacht, Otto B. Roegele, Herausgeber des Rheinischen Merkur, holte die begabte Journalistin in die Redaktion des Blattes nach Bonn und bestärkte sie, sich im Vorstand der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP) zu engagieren. Eine erste Auslandsreise nach Obervolta im Jahr 1982 öffnete die Augen für weltweite Zusammenhänge und die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten. Als sie 1985 beruflich nach Guatemala kam, beschloss sie, ihre feste Stellung gegen die Unsicherheit einer Freien Journalistin einzutauschen.

Maria-Christine Zauzich schrieb über das Ende des Bürgerkriegs in Guatemala, über die schwierige Aufarbeitung der Vergangenheit und immer wieder über die Opfer, die Märtyrer und ihre Witwen. Frauen wie Rigoberta Menchú oder Rosalina Tuyuc, die bekanntesten Anführerinnen der Bewegung der Witwen in Guatemala, fanden in ihr eine Fürsprecherin und Freundin. Dem Prinzip von Hanns Joachim Friedrichs, sich nicht mit einer Sache gemeinzumachen, war Maria-Christine Zauzich sicherlich nicht gefolgt. Stattdessen wurde die „Sache“ der indigenen Bevölkerung in Guatemala immer mehr die ihre. Die mehrheitlich indianische Bevölkerung in Guatemala hatte unter dem Bürgerkrieg am meisten gelitten, im Quiché, dort, wo die meisten Opfer unter ihnen zu verzeichnen waren, war Christine Zauzich immer häufiger zugegen, wenn die Leichen der Opfer exhumiert und identifiziert wurden.

Ihr Projekt, ein „Buch der Märtyrer“ zu schreiben, das eine vollständige Auflistung aller Ermordeten und Verschwundenen sein sollte, konnte zwangsläufig zu keinem Ende kommen, weil die Aufarbeitung der Vergangenheit in Guatemala weder abgeschlossen noch politisch erwünscht ist. Immer wieder hatte die deutsche Journalistin analysiert, dass der indigenen Bevölkerung bewusst die Chancen auf Bildung genommen werden. Ihr Film „Drei Tage mit Ana“, für den sie 1990 gemeinsam mit dem Filmemacher Bert Herfen mit dem Katholischen Medienpreis ausgezeichnet wurde, schildert den Alltag eines kleinen Mädchens in Guatemala, dessen Mutter die Kinder damit ernährt, dass sie einfache Maisfladen, Tortillas, backt und verkauft.  Diesen indianischen Kindern, insbesondere Mädchen, eine Bildung zu ermöglichen, wurde ihr wichtigstes Anliegen. Sie gründete ein Stipendienwerk, das es Kindern aus indianischen Bürgerkriegsfamilien ermöglichen sollte, zu studieren. „Ich wollte das nicht wirklich“, schrieb Maria-Christine Zauzich einmal rückblickend. „Ich dachte, dass zu viele NGOs vor allem durch Paternalismus schaden. Wie auch immer, zusammen taten wir schließlich die ersten Schritte, um das Projekt Ija´tz zu gründen. Zur selben Zeit konnte ich zusammen mit Freunden und Verwandten in Deutschland das Projekt Samenkorn ins Leben rufen. Bis heute sind die Mehrzahl der über 700 privaten Spender persönliche Freunde, Leser meiner Artikel sowie Mitglieder katholischer und evangelischer Gemeinden.“ Viele Jahre pendelte sie als Botschafterin des Projekts, aber auch als Sprachrohr der indianischen Bevölkerungsmehrheit in Guatemala, zwischen Deutschland und ihrem Zuhause in Guatemala-Ciudad. Sie sprach auf Katholikentagen, vor der Deutschen Bischofskonferenz, als Gast der Adveniat-Jahresaktion und in zahlreichen Kirchengemeinden. In Lüdenscheid, wo das Projekt Samenkorn seinen deutschen Sitz hatte, fand sie immer wieder Aufnahme.

Das Projekt Ija´tz hat Maria-Christine Zauzich Anfang dieses Jahres in guatemaltekische Hände gegeben. Sie selbst arbeitete wieder mehr als Journalistin. Ein langer Gang auf dem Jakobsweg war für sie der rechte Wendepunkt, um gesundheitliche Probleme und die erneute berufliche Wende zu meistern. Deutschland sei ihr fremd geworden, sagte sie bei ihrem letzten Besuch im Juni 2009. Ihr Zelt, das sie früher in Helgoland für den jährlichen Urlaub deponiert habe, sei ohnehin verrottet.

Christine Zauzich kehrte mit über 60 Jahren zurück in den Journalismus, schrieb wieder Artikel, unternahm Recherchereisen für Adveniat in Zentralamerika, drehte kleinere Filme. Für ihr Projekt, einen Film über das damals kleine Mädchen Ana zu drehen, das heute als Hausangestellte in Guatemala arbeitet, suchte sie noch Geldgeber. Der Film sollte begonnen werden, nachdem sie ein letztes Mal eine Gruppe aus dem sauerländischen Lüdenscheid durch Guatemala begleitet hätte. Unter bisher noch ungeklärten Umständen ertranken sie und ein Mitglied der Lüdenscheider Reisegruppe jetzt im Pazifik.

Autor: Christian Frevel

04. August 2009