El Salvador: Von Piñatas, Wellblech und und subkutanen Begegnungen

„Da sich die Kirche für reale, nicht fiktive Arme einsetzt, da sie für wirklich Ausgebeutete und Unterdrückte eintritt, lebt sie in einer politischen Welt und verwirklicht sich als Kirche, auch im politischen Bereich.“ (O. Romero)

Der dritte Tag in El Salvador begann früh und sonnig. Obwohl wir erst seit weniger als einer Woche hier sind, fühlt man sich schon heimisch – alle Begegnungen, Gerüche, Geräusche, Geschmäcker und Bilder verschwimmen zu einem bunten Strom, der uns mitreißt und so gefangen nimmt, dass unser Zeitgefühl verschwindet. Wir befinden uns in einer fremden, jedoch auf vielfältige Weise faszinierenden Welt, in der es jeden Tag etwas Neues zu entdecken gibt – oftmals fesselnd und wunderschön, jedoch nicht selten erschreckend und bestürzend.

Weihbischof Rosa Chavez. Foto: Adveniat/Pohl

Weihbischof Rosa Chavez. Foto: Adveniat/Pohl

Weihbischof Rosa Chavez über Oscar Romero

Auf einen weiteren großartigen Empfang in der Schule San Francisco, folgte ein Gespräch mit Monseñor Rosa Chavez. Der salvadorianische Bischof war leitend an den Friedensverhandlungen während des Bürgerkrieges zwischen Guerilla und Militär beteiligt, um das ständige Massaker am salvadorianischen Volk zu beenden. Dieses Engagement bedeutete auch, dass so manches Mal sein eigenes Leben in Gefahr schwebte.

Als Zeitzeuge beschrieb Moseñor Chavez die Figur Romeros und setzte diesen und seinen Tod in einen konkreten Kontext: Auf die Frage eines schweizerischen Filmteams das das Wirken von Oscar Romero eine Woche lang dokumentierte, ob er aufgrund seines Eintretens für die Rechte der Armen und Unterdrückten um sein Leben fürchte, antwortete Romero:

Natürlich habe ich Angst. Aber ich bin der Hirte dieses Volkes und muss zu ihnen gehen.

WB Chavez beim Gottesdienst. Im Hintergrund ein Bild Oscar Romeros. Foto: Adveniat/Pohl

WB Chavez beim Gottesdienst. Im Hintergrund ein Bild Oscar Romeros. Foto: Adveniat/Pohl

Zu einer Zeit, als es keine Zeitung, keinen Radiosender und kein Fernsehprogramm gibt, die die Wahrheit über die Vorgänge im eigenen Land darstellen, stützt Romero sich auf seinen Gemeinderadiosender, um seine Sonntagspredigten auszustrahlen und dadurch das Volk zu informieren. „Als kein Medium die Wahrheit darstellte, war das Radio wichtiger als Brot für die Menschen. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich zur Stunde der Sonntagsmesse die Straße entlang ging und auch jedem Fenster ertönte die Stimme Romeros, auch aus den Fenstern seiner Feinde. Diese nutzen die Gelegenheit um Dinge zu sammeln, mit denen sie Romero später angreifen konnten.“ so Bischof Chavez. Im Laufe des Wirkens Romeros wurde das Radio mehrmals von den Bomben der Regierung getroffen. Romero reagiert folgendermaßen darauf:

Wenn wir ohne Radio bleiben, muss jeder von euch ein Mikrofon Gottes werden!

Am Vortag seines Todes schreibt Bischof Chavez aus Gewohnheit die Predigt Romeros am Radio mit. Es fällt jener berühmte Satz:

Ich bitte Sie, ich flehe Sie an und ich befehle Euch im Namen Gottes, lasst die Unterdrückung aufhören!

In dem Moment weiß Bischof Chavez, dass Romero sein eigenes Todesurteil gesprochen hat. Tatsächlich wird Oscar Romero am folgenden Tag, dem 21. März 1980, nach der Predigt und während der Wandlung im Hospitalito erschossen.

Pinatasstände säumen die Strassen.

Pinatasstände säumen die Strassen.

Nach dem Gespräch mit Weihbischof Rosa Chavez über Oscar Romero, machten wir uns auf den Weg, um zwei Familien in einem Armenviertel zu besuchen, die von den Schwestern in vielfältiger Weise gefördert werden. Auf dem Weg in unserem Kleinbus durch den dichten Verkehr, die vielen Geräusche und Gerüche, den Stimmen, Gesichtern, Hubkonzerten und der drückenden Hitze, tauchten aus diesem bunten und fast schon erdrückendem Gewirr Piñatastände auf. Piñatas in allen Formen und Farben! Dieses zunächst unwichtig erscheinende Detail war sehr entscheidend, denn unsere Gedanken wurden von dem vorherigen Gespräch gelöst und wir konnten uns frei und sichtlich erheitert auf die vor uns liegende Begegnung einlassen.

Der Besuch bei den beiden Familien lässt sich kurz zusammenfassen: Beide Familien werden von dem Orden der Siervas de la Miserdicordia de Dios unterstützt und konnten so einiger ihrer Kinder mit Stipendien eine besserer Bildung ermöglichen und ein Haus bauen. Beide Familien zeigten uns ihr Heim und erzählten von den Schwierigkeiten ihrer Lebenssituation. Ihr Haus liegt in einem Armutsviertel in der unweit des Stadtzentrums, welches bei stärkeren Regenfällen immer wieder von Überschwemmungen mit katastrophalen Auswirkungen für die Anwohner betroffen ist.

Reflektionsrunde im "Casa de Piedras"

Reflektionsrunde im „Casa de Piedras“

Nach dieser Begegnung fuhren wir zum „Casa de Piedras“ das Exerzitienhaus in dem Romero seine letzten spirituellen Exerzitien begangen hat. Dort reflektierten wir unsere Begegnung mit den Familien:

Viele von uns waren tief bestürzt. Beide Familien hatten uns zeigen wollen, wie viel besser es Ihnen aufgrund der Hilfe der Ordensschwestern ergeht. Aus der Obdachlosigkeit oder dem Wohnen in Plastik-oder Kartonverschlägen wurde nun ein kleines Wellblechhaus (hütte) mit Strom und fließendem Wasser. Doch dieses Zuhause war das Extremste an Armut was die Mehrheit der Exkursionsteilnehmer bisher erlebt hatte und es war schwer inmitten von kaputten Gasöfen, Hühnern, Plastikabfällen und einem als Waschbecken und Badewanne umfunktionierten Kühlschrank eine Verbesserung von Lebensumständen zu erkennen.

Familien bei unserem Besuch

Die Schwestern unterstützen die Familien.

Uns alle ergriff eine Überforderung angesichts des Anblicks der sich uns bot und der Intensivität der Begegnung beider Familien. Aus Hilflosigkeit wurde schließlich Stille, die in das bedrückende Gefühl des Voyeurismus überging. Wer hätte nun gedacht, dass eine Cola für jeden und die Frage, ob denn nicht ein Foto mit beiden Familien gemacht werden wolle, die Stimmung löste und ein weniger verschämtes Miteinander ermöglichte! Erst in der anschließenden Reflexion erkannten wir, welche Hilflosigkeit, welche Wut, welchen Tatendrang aber auch Bewunderung und tiefe Dankbarkeit dieses Ereignis in uns auslöste. Mit einem Wort gesagt: Uns war eine subgotane Begegnung passiert, eine Begegnung, die unter die Haut geht.

Familien bei unserem Besuch

Familien bei unserem Besuch

El Salvador geht unter die Haut, verändert uns, zwingt uns über uns und andere zu reflektieren, unsere eigenen Verhältnisse und Standards zu hinterfragen und bringt uns an unsere Grenzen. Das ist gut so! Hoffen wir, dass es uns dabei hilft, Mikrofone Gottes zu werden und die frohe Botschaft bewundernswerter Menschen wie Oscar Romero und Monseñor Chavez zu verkünden.

El Salvador geht unter die Haut, verändert uns, zwingt uns über uns und andere zu reflektieren, unsere eigenen Verhältnisse und Standards zu hinterfragen und bringt uns an unsere Grenzen. Das ist gut so! Hoffen wir, dass es uns dabei hilft, Mikrofone Gottes zu werden und die frohe Botschaft bewundernswerter Menschen wie Oscar Romero und Monseñor Chavez zu verkünden..

Von Lena-Elisabeth Robben

_____________________________________________

Es bloggen die Teilnehmer einer Exposure-Reise nach El Salvador: Das sind ein Student, zehn Studentinnen des katholischen Instituts der Universität Osnabrück, Martin Kempen vom Bistum Osnabrück und Prof. Dr. Margit Eckholt. Das Thema der Reise lautet “Auf den Spuren von Oscar Romero und Ignacio Ellacuria. Christlicher Glaube, Kirche, Theologie und Politik in Lateinamerika”.

Kommentar zu “El Salvador: Von Piñatas, Wellblech und und subkutanen Begegnungen

  • 29. März 2014 at 14:03
    Permalink

    „Hoffen wir, dass es uns dabei hilft, Mikrofone Gottes zu werden und die frohe Botschaft bewundernswerter Menschen wie Oscar Romero und Monseñor Chavez zu verkünden.“
    Dort, wo er seid, und dort wohin ihr zurückkehren werdet, möge es zu erfahrbare Realität werden, was ihr erhofft.
    A. F.

Der Kommentarbereich ist geschlossen