El Salvador: Pacífico

„Die dritte Welt ist wie ein invertierter Spiegel. Wenn die erste Welt in ihn hineinschaut, erkennt sie sich in ihrer tiefsten Wahrheit.“ (J. Sobrino)

Am heutigen Morgen wurden wir von dem Rauschen der Wellen geweckt. Bereits vor dem Frühstück zog es alle Studierende an den nur wenige Meter entfernten Strand und es wurden bereits zahlreiche Strandfotos gemacht. Danach erwartete uns um 8 Uhr ein reichlich gedeckter Frühstückstisch mit Pancakes, Brötchen, Erdbeermarmelade, frischem Kaffee, Früchten und vielem mehr. Im Anschluss daran erfolgte eine erste gemeinsame Reflexion über die Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen der vergangenen zwei Wochen.

Um uns dem Themengebiet zu nähern vergegenwärtigten wir uns zunächst die wichtigsten Daten, die uns Studierende während dieser Reise geprägt haben bzw. besonders in Erinnerung geblieben sind. Wichtige Daten waren dabei unter anderem für uns:

1977: Ermordung von Rutilio Grande; sein Tod bewirkte eine „Umkehr“ in Romeros Leben und war auch entscheidend für seinen weiteren Lebensweg und seinen erbitterten Einsatz für die Menschenrechte.

24.03.1980: Ermordung von Oscar Romero und Beginn des Krieges; nach jahrelangem Einsatz für die Armen, Entrechteten und Bedürftigen wird Oscar Romero zum Märtyrer für das El Salvadorianische Volk.

16.11.1989: Massaker an der UCA; Ermordung von Ignacio Ellacuria, weiteren Jesuiten, einer Jugendlichen sowie einer Köchin.

Dies waren nur einige exemplarische Daten, die uns auf der Reise immer wieder begegnet sind und auch eine große Bedeutung für das Volk haben. Uns ist bei dieser Aufgabe bewusst geworden, dass das noch sehr „junge“ Land El Salvador bereits viele schreckliche Erlebnisse durchlebt hat, die das Land und die Menschen noch heute besonders prägen. Im weiteren Verlauf der Reflexionseinheit setzten wir uns intensiv in einer Einzelarbeit mit Persönlichkeiten auseinander, die uns auf dieser Reise besonders beeindruckt bzw. fasziniert haben. Die Bandbreite reichte von hohen theologischen Persönlichkeiten wie Ignacio Ellacuria bis hin zu den „einfachen“ Menschen, die uns in den verschiedenen Gemeinden begegnet sind.

Darauf folgend setzten wir uns mit unseren Erlebnissen und Erfahrungen während der zwei vergangenen Wochen auseinander. Wir gingen in uns und reflektierten, in welcher Art und Weise die hier gemachten Erfahrungen unsere Persönlichkeit, Einstellungen und Werte beeinflusst haben. Für uns alle Studierende war diese Reise unvergesslich, da sie uns in unserem Glauben stärkte und zum Nachdenken anregte. Nach dieser intensiven und zum Teil auch sehr emotionalen Reflexion der eigenen Erlebnisse verbrachten wir den Rest des Tages alle gemeinsam am Strand.

Nach einem reichhaltigen Abendessen erreichte uns die schreckliche Nachricht von dem Erdbeben in Chile und der Tsunamiwarnung im Pazifikraum. Von der einen Sekunde auf die andere herrschte eine angespannte Stimmung in der Gruppe. Alle warteten ganz gespannt auf die Nachrichten im Fernsehen und es wurde bereits gemunkelt, dass wir noch heute zu unserem Hotel in El Salvador zurückkehren sollten. Nach mehreren Minuten der Ungewissheit stellte sich heraus, dass die Küste von El Salvador nicht vom Tsunami betroffen war und somit keine Gefahr für uns bestand. Ein bemerkbares Aufatmen machte sich in der Gruppe bemerkbar und die Stimmung schwankte zum Positiven über. Nach einer erneuten kurzen Reflexion am Abend fanden sich alle im Gemeinschaftsraum zusammen und es wurden gemeinsam Kartenspiele gespielt, bis spät abends alle müde und erschöpft vom langen und aufregenden Tag ins Bett fielen.

Pacífico… Der Pazifik hat es in sich, er ist kein ruhiges Meer, mit dem Auf und Ab der Wellen stranden Strömungen, die es vermögen, Menschen mit sich zu ziehen, in die Weite und den Abgrund des pazifischen Ozeans. Die Exposure-Reise klingt aus an der Costa del Sol, im Haus der Hermanas Somascas; Madre Gesuina, eine 87-jährige italienische Ordensfrau, seit 55 Jahren in El Salvador tätig im Dienst der Armen, empfängt uns. Drei Tage sind uns geschenkt, an denen das unmittelbar Erlebte der letzten vierzehn Tage langsam und anfanghaft zur „Erfahrung“ werden kann. Die Reflexion auf das Erlebte holt die Geschichten der Menschen, denen wir begegnet sind, in unsere Mitte, wir spüren dem nach, was bei uns in Bewegung gekommen ist. „Egal, was es auch gewesen ist, es wird euch verändern“, hatte Martha Zechmeister uns vor einer Woche an der UCA gesagt, die Wirklichkeit verändert und Theologie ist eine „Übung“, so formuliert sie im Anschluss an den großen Philosophen und Märtyrer Ignacio Ellacuría, „die Wirklichkeit mit anderen Augen sehen zu lernen“.Tag14_DSCI0349

 

 

 

Die Wirklichkeit, die bewegt, ist vielschichtig, hat für jeden von uns andere Facetten: die erschütternde Armut, fehlende Bildungschancen und Arbeitsplätze für junge Menschen, gescheiterte Fluchtversuche immer wieder neues Aufbrechen in den Norden, der Kampf um Teilhabe und alternative Formen des Gemeinwohls, ein neues Umweltbewusstsein und doch stete Bedrohung der Natur durch Brandrodung, Bergbau, Monokulturen usw..
Pacífico… Im übertragenen Sinn kann es Symbol sein für den roten Faden, der sich durch die vielen Geschichten der Begegnung zieht: der Wunsch nach Frieden, einem gerechten, solidarischen, das Leben achtenden Miteinander.

Die Wunden des Krieges sind präsent in El Salvador, wie schwer es doch ist, „wiederaufzuerstehen aus Trümmern“, was tut alles doch Not an Trauerarbeit, an heilender Erinnerung – und vor allem auch an Solidarität über die Grenzen hinweg. Als roter Faden durch all die vielen Begegnungen der letzten beiden Wochen in den Pfarreien, den Ordensgemeinschaften, an der Universidad Católica, in San Salvador, Arcatao, Chalatenango und Guarjila zieht sich dieses Band der Erinnerung an Krieg und Gewalt, an die Menschenrechtsverletzungen, das Verschwinden und den Tod von so vielen unschuldigen Menschen, vor allem auch Kindern und Jugendlichen. Und in diese Erinnerung ist das Bild von Monseñor Oscar Romero eingeschrieben, er lebt in seinem Volk.

Die Hoffnung, wie er am Reich Gottes Anteil zu haben, mit ihm, in seinen Spuren Jesus von Nazareth nahezukommen, läßt die Menschen, denen wir begegnet sind, immer wieder aufstehen, läßt sie weiter gehen, a pesar de todo, trotz allem, hält sie in Bewegung.
Pacífico… Das ist, der steten Dynamik der Wellen vergleichbar, das Hin und Her des Lebens, Frieden als ein Hineinfinden in eine neue Lebens- und Glaubensdynamik. Das heißt lernen anzuklagen, was Nicht-Leben ist: Ungerechtigkeit und Gewalt, den frühzeitigen Tod; das heißt, die Dinge beim Namen zu nennen, der Realität ins Auge zu blicken; und vor allem: mutig zu sein.

Das Böse ist nicht die Sünde, so klingen die Erfahrungen in der Pfarrei in Arcatao nach, sondern Böses bricht dann durch, wenn wir „nicht aufstehen“. Die Spuren Jesu im Sand dieses „Pacífico“ zu entdecken heißt neu zu lernen, an die Auferstehung zu glauben, jeden Tag, wenn wir „aufstehen“, wenn wir im Angesicht unserer Realität bewußt, verantwortlich, solidarisch und kreativ zu leben lernen. Das ist dann das Fest des Lebens, und dann wird das Wort stimmig, das die Begegnungen mit den Menschen auf unserer Reise begleitet: „gracias“, „gracias a la Vida“. Wir sagen „danke“ für die Gastfreundschaft, für die Türen, die geöffnet worden sind, für das Anteilhaben, sei es auch nur für wenige Momente, an den Lebensgeschichten der anderen. Aber wie oft haben die Menschen, denen wir begegnet sind, uns dies gesagt: „danke, dass ihr gekommen seid“, danke, dass wir uns hineinweben lassen in ihre Erinnerungsgeschichten. In der gemeinsamen Erinnerungsarbeit läßt der Schmerz der Wunden der Erinnerung an Krieg, Gewalt, die Zeiten in Flüchtlingslagern oder auf der vergeblichen Flucht an die US-amerikanische Grenze nach.

Pacífico… Die Sonne am Pazifik geht auch für uns unter, wir sind eine Familie, wir gehen gemeinsam den Kreuzweg, in Arcatao, in Nueva Trinidad, wir haben Anteil an der „mesa común“, am gemeinsamen Tisch des Volkes Gottes. Wir sind gemeinsam unterwegs. Wir gehen am Strand, und es sammeln sich, wie die vielen Sandkörner, die Erfahrungen der letzten beiden Wochen und werden in das Spiel der Wellen, ihr Auf und Ab, hineingenommen. Glaube ereignet sich, Glaube bewegt, Glaube geht, er zeichnet sich in die Lebensdynamik ein, das lehren uns die Menschen, denen wir begegnet sind. Wird seine Zumutung angenommen, wächst Mut, wachsen Freude und Hoffnung.

Von Margit Eckholt

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Es bloggen die Teilnehmer einer Exposure-Reise nach El Salvador: Das sind ein Student, zehn Studentinnen des katholischen Instituts der Universität Osnabrück, Martin Kempen vom Bistum Osnabrück und Prof. Dr. Margit Eckholt. Das Thema der Reise lautet “Auf den Spuren von Oscar Romero und Ignacio Ellacuria. Christlicher Glaube, Kirche, Theologie und Politik in Lateinamerika”.