El Salvador: „Romero, qué viva!“ – Jetzt erst recht!

Om Dankgottesdienst zur zur Seligsprechung Oscar Romeros tragen Schwestern und Schüler der Gemeinde Blumen und Pflanzen nach vorne zum gerade neu aufgehängten Portrait Romeros. Fotos: Achim Pohl

Im Dankgottesdienst zur Seligsprechung Oscar Romeros tragen Schwestern und Schüler der Gemeinde Blumen und Pflanzen nach vorne zum gerade neu aufgehängten Portrait Romeros. Fotos: Achim Pohl

Einsam ragen die Pressetürme in den blauen Himmel. Einzelne Romero-Fähnchen flattern noch über die Straße. Sie sind vorüber die großen Tage rund um die Seligsprechung Oscar Romeros. Es war ein wundervolles, hoch emotionales Fest von einem Ausmaß, das El Salvador noch nicht erlebt hat. Und: Es war ein friedliches Fest, eines bei dem die Salvadorenos ihren Mons. Romero mit allen emotionalen und medialen Ausdrucksmitteln feiern durften.

Die Bedeutung dessen ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als wir in einem benachbarten Gemeindesaal neben der Divina Providencia, der Kapelle, in der Oscar Romero erschossen wurde, ein von Jugendlichen inszeniertes Musical über das Leben Romeros gesehen haben. Mit abstraktem Tanz, Live-Gesang und Original-Filmaufnahmen aus Romeros Leben und der grausamen Militärdiktatur haben diese jungen Leute auf sehr berührende Weise nachgezeichnet, was die Geschichte Romeros, die Unterdrückung und die grausamen Morde dem salvadorianischen Volk für Wundern zugefügt haben.

 Sie durften den Schmerz nicht zeigen

Aufführung des Romero-Musicals einer Jugendgruppe.

Aufführung des Romero-Musicals einer Jugendgruppe.

Denn in dieser hoffnungslosen Zeit der Unterdrückung, hat das Volk nicht nur der Tod Romeros tief geschmerzt, sondern auch die Tatsache, dass sie nach seinem Tod nicht über ihn sprechen, sich in keiner Weise zu ihm bekennen durften. – Es hätte sie ihr Leben gekostet. Doch sie liebten diesen Mann, hatten all ihre Hoffnung in ihn gesetzt, verloren ihn – und durften das in keiner Weise öffentlich zeigen.

Seinen vorläufigen Höhepunkt fand diese grausame Unterdrückung damals bei der Beerdigung Romeros. Die Menschen hatten den Freund der Armen, der Unterdrückten, ihre Stimme des Volkes verloren. Sie wussten, dass es nun erst einmal niemanden mehr geben würde, der sich so bedingungslos – bis zum Tod – für sie einsetzt. Sie waren allein. In tiefer Trauer und Verzweiflung wollten sie diesem Mann, diesem Freund bei der Beerdigung die letzte Ehre erweisen und wurden von Scharfschützen auf den Dächern brutal niedergeschossen. Ein Massaker, das über 1000 Salvadorenos das Leben kostete und ein makabres Zeichen setzte, was das öffentliche Bekenntnis zu Oscar Romero anging.

 Nun dürfen sie zu ihrem „Volksheiligen“ stehen

Dankgottesdienst in der Kirche San Francisco.

Dankgottesdienst in der Kirche San Francisco.

Vor diesem Hintergrund hatte die in jeglicher Form friedliche Seligsprechung eine mehr als große Bedeutung für das Volk. Denn mittlerweile dürfen sie nicht nur öffentlich zu ihrem „Volksheiligen“ stehen, nein, es ist nun offiziell von der Kirche anerkannt worden, dass er für seinen Glauben den Märtyrer-Tod gestorben ist. El Salvador hat seinen ersten Seligen – und niemand wird sich mehr öffentlich trauen, Oscar Romero infrage zu stellen. Es scheint fast so, als hätte dieser offizielle Akt, all denen für die Romero sich eingesetzt hat, metaphorisch eine „Krone“ aufgesetzt. Denn sie haben recht behalten, sie haben auch nach seinem Tod an ihn geglaubt, für ihn gebetet.

Doch nachdem nun die Tage rund um den Festakt vergangen waren, in die so viele so viel Kraft und Engagement in Vorbereitungen auch kleinerer Feierlichkeiten in den Gemeinden und Pfarreien investiert haben; was passiert nun am Tag danach und in den Wochen danach und den Monaten? Fallen all diese Menschen, die teils Jahrzehnte auf diesen Moment gewartet haben, nicht in ein Loch, wenn all die großen Feste vorüber sind, die mediale Öffentlichkeit sich wieder anderen Dingen zugewandt hat?

 Der Tag danach – fällt das Volk nun in ein Loch?

Stolz und dankbar hält Weihbischof Rosa Chávez das offizielle Schreiben Roms zur Seligsprechung in die Höhe.

Es ist für mich eine große Freude und Erleichterung sagen zu können: Nein, so scheint es nicht zu sein. Denn beispielhaft für viele andere Gemeinden und Gruppierungen habe ich gestern bei zweien gesehen, wie die Freude über die Seligsprechung und der Glaube in die Person Oscar Romero den Menschen eine unglaubliche Kraft und Motivation verleiht. Zum einen bei den Jugendlichen, die das Musical aufgeführt haben.

Zum anderen waren wir gestern in San Francisco, der Pfarrei des Weihbischofs Rosa Chávez, zu einem Dankgottesdienst zur Seligsprechung eingeladen. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, die Menschen trugen T-Shirts mit Oscar-Romero-Motiven. Die ganz Kleinen wie auch die Senioren – in allen Farben und Formen. Mit einem glänzenden Stolz in den Augen riefen sie aus voller Seele: „Romero! Qué viva!“ – „Es lebe Romero!“

Dankbarkeit und Stolz

Dankgottesdienst mit Weihbischof Rosa Chávez in der Kirche San Francisco

Pfarrer Weiß aus Augsburg hat die Ehre im Dankgottesdienst den Blumenschmuck vor das Portrait Romeros zu tragen.

Sie sangen ihre selbstkomponierten Romero-Lieder und enthüllten ein zwei Meter großes Romero-Portrait, das ringsum liebevoll mit Blumenschmuck dekoriert worden war. Der gesamte Gottesdienst war erfüllt von Dankbarkeit, einem tiefen Glauben in Gott, in die Kirche und ihren Seligen Romero – und von einem tiefen Stolz. Man hatte fast das Gefühl all diese Menschen, die aus ihren einfachen dunklen Hütten, aus ihrem schwierigen und von Gewalt geprägten Alltag in die Kirche gekommen waren, um für die Seligsprechung zu danken, seien ein paar Zentimeter gewachsen.

Vor und auch jetzt nach der Seligsprechung ist viel darüber spekuliert worden, was diese nun mit dem gespaltenen Land tut. Bei allen großen Erwartungen von Versöhnung bis zum Frieden steht für mich dabei im Vordergrund, dass dieser offizielle Akt vor allem für all diejenigen eine unglaubliche Freude, Lebensmotivation und Bestätigung ist, für die sich Romero schon damals eingesetzt hat. Für sie ist er mit der Seligsprechung „auferstanden“. Er ist wieder unter ihnen und sie schreien es mit Stolz und einem gewissen Trotz hinaus: „Romero! Qué viva!“