Frankfurter Buchmesse: Adeus, Brasil!

Den Schlusspunkt setzt ein liebgewonnenes Ritual. Noch ein paar Stunden, dann ertönt in den Frankfurter Messehallen eine Ansage, in der allen für die Teilnahme gedankt und ihnen eine gute Heimreise gewünscht wird. Aus den Ständen und Kojen ertönt Applaus, und dann geht’s ans Einpacken. Ob die brasilianischen Gäste mit dem Ritual vertraut sind, wird sich herausstellen. Allerdings dürften viele von ihnen das Ende der turbulenten Messetage ein wenig herbeisehnen. Bei aller Aufmerksamkeit, die man hier und nirgendwo sonst in der Bücherwelt auf sich zieht, kostet Frankfurt eben viel Kraft. Zumal sich der Tross der Autoren und Autorinnen inzwischen aufgespalten hat und in andere Städte weitergezogen ist. Carola Saavedra meinte gestern beiläufig, sie habe die Tage am Main genossen, werde sich bis in die letzte Oktoberwoche aber auf zehn Auftritte in zehn verschiedenen Städten konzentrieren müssen.

Preisverleihung an Patrícia Melo

Patricia Melo erhät den LIBeraturpreis.

Patricia Melo erhät den LIBeraturpreis.

Für Erfolgsautorin Patrícia Melo war der späte Samstagnachmittag der Höhepunkt der Buchmesse. Sie erhielt vor proppenvollem Auditorium für ihren Roman „Leichendieb“ den diesjährigen LiBeraturpreis, mit dem Literatur von Frauen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt ausgezeichnet werden. Der Preis existiert seit 1987, als der Begriff „Frauenliteratur“ noch en vogue war. Obwohl eine solche Kategorisierung heute eher auf Ablehnung stößt, wird der Preis weiterhin verliehen – dieses Jahr sogar zum ersten Mal auf der Messe und organisiert von litprom e.V., einer Gesellschaft, die sich die Förderung von Literatur aus dem Süden auf die Fahnen geschrieben hat. Schaut man sich übersetzte Literatur aus diesen Weltregionen an, stellt man fest, dass kaum ein Viertel der Titel von Frauen geschrieben wurde. Es ist auch hier noch ein weiter Weg…

Die Brasilianerin Patrícia Melo stand in den vergangenen Jahren schon mehrfach auf der Shortlist des LiBeraturpreises, erhielt aber erst jetzt für ihren aktuellen Roman den Zuschlag. „Leichendieb“ ist vielen Literaturfans ein Begriff, steht das Buch doch seit Monaten auf der Krimizeit-Bestenliste der „Zeit“. Patrícia Melo verwahrte sich aber im Podiumsgespräch in Frankfurt gegen die Annahme, ihr Buch sei ein Kriminalroman. Tatsächlich arbeitet sie in der Story über einen Unsympath, der in einem abgestürzten Kleinflugzeug einen Berg Drogen findet, sich als dilettierender Dealer versucht und sich bald gegen die örtliche Drogenmafia zur Wehr setzen muss, zwar mit literarischen Mitteln, die man vom Krimi kennt. Viel besser lässt sich diese spannungsgeladene Geschichte jedoch als Großstadtroman lesen. Die Lebenswirklichkeit in einer brasilianischen Großstadt gebe all diese Handlungselemente her.

Was bleibt?

Die Fans von Patrícia Melo werden vielleicht zu den früheren Romanen greifen und sich auf das freuen, was die Autorin als nächstes schreiben wird. Ob es bei den vielen anderen Brasilianern, die diese Woche in Frankfurt waren, auch so sein wird, bleibt dahingestellt. Mich hat die Vielfalt und die Qualität vieler Titel, die derzeit angeboten werden, überzeugt. Davon unabhängig bleiben natürlich eine Menge Fragen: Wird auch in den Wochen nach der Messe noch über die Bücher aus dem 2013er Gastland gesprochen? Werden die Titel in ausreichender Anzahl gekauft, so dass die Buchhandlungen sie länger vorrätig halten? Fallen die Kassenstürze der Verlage so aus, dass sie gar nicht anders können, als neue Bücher einzukaufen, übersetzen zu lassen und im nächsten Jahr auf den Markt zu werfen.

Chillen zum Ende der Buchmesse in Frankfurt.

Chillen zum Ende der Buchmesse in Frankfurt.

So sehr die Liebhaber lateinamerikanischer Literatur sich das wünschen mögen, ist dieses Szenario keineswegs sicher. An einigen Verlagsständen herrschte sogar Skepsis. Ja, jeder spreche derzeit über Brasilien, hörte man es raunen, doch die wenigsten Gastländer der Buchmesse hätten sich in der Vergangenheit durchsetzen können. Außerdem sei gar nicht abgemacht, ob die Bücher von gleichbleibend hoher Qualität seien. Vielleicht stellten die aktuellen Titel aus Brasilien eine qualitative Spitze dar, die gar nicht über einen längeren Zeitraum gehalten werden könne. Viele Einwände von Leuten, die wissen was es heißt, sich zu verkalkulieren. Dennoch: Die Voraussetzungen für die Literatur aus Brasilien ist günstiger denn je. Das Land bleibt im Gespräch – sei es durch Nachrichten über wirtschaftliche Erfolge und soziale Proteste, nicht zu vergessen durch die bald schon beginnende Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Genügend Anknüpfungspunkte für engagierte Verlage, Buchhändler und Literaturvermittler, sollte man meinen.

Auf dass es nicht nur heißt „Adeu, Brasil!“, sondern auch „Até breve!“

Text und Fotos: Thomas Völkner