Frankfurter Buchmesse: Der Ball ist rund und das Resultat (fast) ein Geheimnis

Am Freitagabend fand ein wichtiges Fußballspiel statt. Nein, nicht das Länderspiel Deutschland gegen Irland, bei dem es um die Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien ging, sondern die allererste Begegnung zwischen den Autorennationalmannschaften Deutschlands und des Buchmessen-Gastlandes Brasilien. Wer noch nie etwas von der deutschen „Autonama“ und ihrem brasilianischen Counterpart „FC Pindorama“ gehört hat, glaubt vielleicht an einen Scherz. Keineswegs. Gekickt wird überall, auch in den höchsten Literatenkreisen. Und die Deutschen sind dabei sogar ziemlich erfolgreich. Über das für die brasilianischen Gäste nicht besonders schmeichelhafte Resultat des gestrigen Spiels schweigt man auf der Messe höflich.

Mehrere Fußball-Matches

Diese Aufstellung sollte man sich merken: Das Team der Anthologie „Der schwarze Sohn Gottes“

Diese Aufstellung sollte man sich merken: Das Team der Anthologie „Der schwarze Sohn Gottes“

Der Messesamstag steht tatsächlich ein bisschen im Zeichen der Fußball-Weltmeisterschaft. Zu nah die kommenden Ereignisse, zu groß die Chancen zum Marketing, als dass man auf der weltgrößten Bücherschau auf das Thema verzichten könnte. Heute Nachmittag findet quasi die zweite Halbzeit im Spiel zwischen den Autorennationalmannschaften statt. Dieses Mal nicht auf dem Rasen, sondern auf der Bühne der DFB-Kulturstiftung. Gelesen wird ohne großes Trara, im schnellen Wechsel zwischen Brasilianern und Deutschen, und – wichtig – auf Augenhöhe. Albert Ostermeier von der Autonama eröffnete das fußball-literarische Tiki-taka mit den Worten, die Schriftsteller wollten versuchen, die Poesie des Fußballs zu erhalten, während der Sport mehr und mehr dem Kommerz zu dienen scheint.

Am Vormittag traf sich bereits ein anderes hochkarätiges, rein brasilianisches Team zur Vorstellung der Kurzgeschichtensammlung „Der schwarze Sohn Gottes“, die für den deutschen Markt entstanden ist und erst in einem zweiten Schritt in Brasilien erscheint. In 16 Geschichten wird versucht, die Träume und Hoffnungen zu beschreiben, die sich mit dem Fußball verbinden. Es sind keine Storys über Stars, sondern aus dem brasilianischen Alltag. Ronaldo Correia de Brito erinnert sich in dem Text „Schlachthof“ beispielsweise an das Spiel der Mannschaft eines Schlachtbetriebs und findet Sprachbilder, die die Auseinandersetzung auf dem Feld und im Anschluss an das Spiel mit der harten, an Gewalt grenzenden Arbeit in einer Schlachterei verschmelzen lassen.

Vorhang auf für Bahia

Milena Britto stellt Literatur aus Bahia vor

Milena Britto stellt Literatur aus Bahia vor

Auf der Messe wird vom großen „Kontinent Brasilien“ immer wieder auf kleinere Einheiten gezoomt, seien es geografische, kulturelle, ethnische usw. Heute lag der Fokus auf Bahia und seinen zeitgenössischen Autorinnen und Autoren. Einer regionalen Initiative ist es zu verdanken, dass Short Storys, Gedichte und Romanauszüge von 18 Literaten aus der Küstenmetropole Salvador und dem weiten, wüstenartigen Hinterland in drei Sprachen (Spanisch, Englisch und Deutsch) übersetzt und in eine dicke Anthologie gepackt wurden. Die Literaturprofessorin Milena Britto sprach bei der Präsentation des Bandes über den Einfluss der Afrobrasilianer auf die Musik und Literatur von Bahia, über harte Beats und sperrige Texte. Heutige Schriftsteller imitierten nicht mehr den 2001 in Salvador verstorbenen, weltbekannten Jorge Amado, sondern suchten nach neuen Formen. Kostproben gab es anschließend von Állex Leilla und João Filho, zwei der jungen Stimmen aus Bahia.

Was will die Kunst?

Über ein besonderes Erlebnis muss ich schnell noch berichten: Ich habe mich in dieser Woche zum zweiten Mal in meinem Leben durch einen Geburtskanal gezwängt. In der Ausstellung „Brasiliana“, die im Kunstmuseum Schirn im Stadtzentrum gezeigt wird, steht nämlich die Installation „Das Haus ist der Körper“ von Lygia Clark, ein Klassiker von 1968, der aktuell erneut aufgebaut wurde. Die Besucher sind eingeladen, durch die mit Bällen, Luftballons und Stofffäden gefüllten engen Kammern des Kunstwerks zu schlüpfen. Ein großer Spaß für alle, die sich darauf einlassen können. Bei dem „Erlebnis Konzeptkunst“ kam mir der schöne Roman „Landschaft mit Dromedar“ von Carola Saavedra in den Sinn. Neben einer verzwickten Dreiecksgeschichte liefert die aus Chile stammende Brasilianerin darin auch einen Debattenbeitrag zur Konzeptkunst. Man stellt sich am Ende der Lektüre und am Ende des Museumsbesuchs unweigerlich die für Kunstprofis etwas ketzerische Frage, was denn bitteschön zuerst da war: Das Konzept oder das Kunstwerk. Nun, wahrscheinlich geht es nicht um das Entweder-Oder, sondern um die vielen Abstufungen, die dazwischen liegen.

War noch was? Ach ja, das Resultat des wichtigen Fußballspiels. Das war nicht ambivalent wie die Kunst, sondern eindeutig. Brasilien hat verloren, ein Tor haben die Gäste geschossen, neun reingelassen.

Text und Fotos: Thomas Völkner