Frankfurter Buchmesse: Es kann losgehen

IMG_3012_webDie Autoren, Künstler, Verlagsleute und Funktionäre aus Brasilien sind da. Ihr Pavillon, in dem die vielfältige Kultur des Landes vorgestellt werden soll, ist aufgebaut. Die gesamte Branche, von ihren thematischen Zentren bis zu den feinsten Special-Interest-Verästelungen, steht in den Startlöchern. Und doch dauert es noch kleines Weilchen, bis die Frankfurter Buchmesse endgültig die Tore aufsperrt. Am Dienstagabend zunächst ein feierlicher Akt für geladenes Volk, ab Mittwoch in der Früh das Gewusel der Businessleute und am Wochenende offen für alle, die sich irgendwie zu Büchern (und dem ganzen Drumherum) hingezogen fühlen.

Was die Kultur angeht, ist Frankfurt schon seit ein paar Wochen brasilianisch eingefärbt. Auf dem Museumsuferfest Ende August stand das Buchmessen-Gastland bereits im Mittelpunkt, die Kunsthalle Schirn zeigt die Schau „Brasiliana“ mit riesigen, begehbaren Installationen, das Architekturmuseum die Entwürfe und Bauten der „Nove Novos“, von neun jungen Architekten des Landes, Musikclubs und Theater haben Gastspiele in Gelb-Grün im Programm. Und auch die Schriftsteller haben sich schon gezeigt. Wer auch nur im Entferntesten Interesse an Literatur und Kultur aus Brasilien hat, sollte in diesem Herbst dabei sein.

IMG_3014_webIch habe seit dem Sommer mehrere Romane und Erzählbände aus dem Gastland gelesen und bin von der Themenvielfalt sehr angetan. Argentinien, Brasiliens wichtiger Nachbar, hatte als Ehrengast vor drei Jahren auffallend viele Bücher im Gepäck, die sich ausschließlich mit der Aufarbeitung der Militärdiktatur beschäftigten. Aus Brasilien kommen 2013 auch solch gesellschaftlich bedeutsame Geschichten – aber nur als Teil eines viel breiteren Spektrums. Fast alle Autorinnen und Autoren sind in den kommenden Tagen in Frankfurt, und es wird spannend sein zu sehen, wie das deutschsprachige Publikum auf ihre Geschichten reagiert.

IMG_3010_webUnd wie dieses Publikum das präsentierte Brasilienbild aufnehmen wird. Vom Design her ist der Kulturpavillon auf dem Messegelände eine Hommage an den brasilianischen Modernismus. Oscar Niemeyer und Lúcio Costa, die berühmten Stadtplaner, hätten bei den klaren, geschwungenen und dabei aus geometrischen Formen zusammengesetzten Elementen zustimmend genickt. Die hohen Wände sind ausschließlich aus feuerfestem Kartonmaterial zusammengesteckt – eine Verneigung vor dem wichtigsten Bedruckstoff der Buchbranche. Die Kartons ergeben unzählige Neunzig-Grad-Winkel, die, je nach Standort des Betrachters, perspektivisch wieder gerade Flächen ergeben. Darauf abgebildet sind beispielsweise die Klassiker der Nationalliteratur oder bekannte Buchillustrationen. Vor diesen Wänden viel interaktive Elemente: Besucher können mit Fahrrädern Strom für eine Bildschirmpräsentation erzeugen, in Hängematten chillen und dabei über Kopfhörer Gedichte und Songs hören, wobei die Übersetzungen aus dem Portugiesischen gleich mitgeliefert werden, oder von im Raum verteilten Säulen, die sich als zusammengeleimte Papierstapel erweisen, das oberste Blatt abreißen. Darauf steht ein Auszug aus einem Buch des jeweiligen literarischen Säulenheiligen.

Daneben, in cremig weiße Kartons eingefasst, ein halbrundes Auditorium für Lesungen und Diskussionen. „Armazém literário“ hat der Dichter José Paulo Paes diesen Bereich genannt, den „Kramladen der Literatur“. Dort werde ich oft sein – wenn es endlich losgeht.

Text und Fotos: Thomas Völkner, Freier Journalist