Frankfurter Buchmesse: In Brasilien ist Clarice noch lebendig

Die Aufregung, die den Messebeginn jedes Jahr begleitet, hat sich gelegt und ist der Routine gewichen. Die Verlagsleute haben ihre ersten Geschäftstermine hinter sich gebracht, die Schriftsteller ihre ersten Lesungen absolviert, und gefeiert worden ist am Abend des ersten Messetages bestimmt auch. Der schnelle Rundumblick des Messebesuchers weicht dem fokussierten.

Benjamin Moser und Moderatorin Carmen Stephan – auch sie mit großer Brasilien-Erfahrung – stellen die Biographie über Clarice Lispector vor.

Benjamin Moser und Moderatorin Carmen Stephan – auch sie mit großer Brasilien-Erfahrung – stellen die Biographie über Clarice Lispector vor.

Und wie leicht der Blick doch auf einem schönen Gesicht hängenbleibt… Es ist ein schmales Gesicht, umrahmt von kurzen, dunklen Haaren, mit einem hellen oder doch stark ausgeleuchteten Teint, zu dem die dunklen Lippen einen starken Kontrast bilden. In Brasilien kennen die meisten Literaturfans dieses Gesicht. Es gehörte einer Frau, über die sie in höchsten Tönen reden. Gestern Abend kam das Gespräch über Clarice Lispector auch zur Buchmesse, genauer: in den gut besetzten großen Vortragssaal der Deutschen Nationalbibliothek. Es galt, den Start der Lispector-Werkausgabe zu feiern. Die Romane der einflussreichsten brasilianischen Literatin des 20. Jahrhunderts sollen ab sofort in neuen oder sogar erstmalig angefertigten Übersetzungen erscheinen.

Dazu gesellt sich eine Biographie, die das Leben einer außergewöhnlichen Frau nachzeichnet. Der US-amerikanische Biograph Benjamin Moser hat jahrelang in Brasilien gelebt, wurde dort auf Clarice Lispectors Bücher aufmerksam gemacht – und ist ihr verfallen. Zugegeben, „verfallen“ scheint ein etwas weit hergeholter Begriff zu sein. Doch was man gestern über die Grande Dame der brasilianischen Literatur erfahren konnte, lässt einen darüber sinnieren, an welcher Stelle Leserschaft endet und Jüngerschaft beginnt. Und das ist völlig ohne Ironie gemeint. In Brasilien sei Lispector derart im Bewusstsein der an Kultur interessierten Menschen präsent, dass man meinen könnte, sie sei noch lebendig.

Benjamin Moser ist ein sympathischer und engagierter Erzähler. Man nimmt ihm ab, wenn er sagt, dass er nach dem Lesen von Lispectors Texten immer mehr über die Autorin in Erfahrung bringen wollte. Es geht offensichtlich eine Faszination von dieser Frau aus, die in den späten 1950er Jahren ein Star der High Society Brasiliens war und die doch für die meisten spürbar ein wenig „anders“ erschien als alle anderen. Moser beleuchtet in seinem Buch die Kindheit und frühen Traumata der Clarice Lispector: Ihre Familie stammte aus der Westukraine, die Mutter wurde in den Bürgerkriegen, die in Osteuropa auf den Ersten Weltkrieg folgten, vergewaltigt und traumatisiert. Einem alten, aus der Mystik stammenden Aberglauben folgend musste ein weiteres Kind gezeugt werden, damit die Mutter geheilt würde. Man stelle sich den Druck vor, der auf einem Menschen liegt, der weiß, dass er nur deshalb existiert, um seiner Mutter zu helfen. Besonders wenn diese sich – natürlich – nicht erholt, sondern stirbt, als das Mädchen neun Jahre alt ist.

Doch es ging nicht nur um die Person Clarice Lispector, sondern auch um ihre faszinierende Prosa. Eine längere Passage aus dem Debüt „Nahe dem wilden Herzen“ von 1943 wurde vorgetragen, und natürlich hatte Benjamin Moser zahlreiche weitere Zitate parat. Der Abend machte Lust auf ein gezieltes Kennenlernen dessen, was diese schöne Frau geschrieben hat.

Immer wieder Coelho

Auf der Messe und im deutschen Feuilleton wird viel über die Auswahl der Autorinnen und Autoren gestritten, die in offizieller Mission zur Buchmesse entsandt wurden. Verantwortlich dafür war ein wenige Tage vor Messebeginn veröffentlichtes Interview mit Bestsellerautor Paulo Coelho. Darin griff er die Verantwortlichen an, unterstellte Vetternwirtschaft bei der Zusammenstellung der Delegation und höhnte, er kenne nur wenige Namen von denen, die auf der Liste stehen. Daraus entstand die vielzitierte Meldung: Coehlo ist sauer und kommt deshalb jetzt nicht zur Messe. Was die meisten Journalisten übersahen: Der Weltautor hat seine Teilnahme überhaupt nicht kurzfristig abgesagt. Er hatte sie überhaupt nicht vorgehabt. Ein entsprechender Hinweis stand seit Monaten für alle Pressevertreter sichtbar auf der Webseite von Diogenes, seines deutschsprachigen Hausverlags.

Impression aus dem brasilianischen Pavillon: Man muss schon in die Pedalen treten, um mehr über Brasilien zu erfahren...

Impression aus dem brasilianischen Pavillon: Man muss schon in die Pedalen treten, um mehr über Brasilien zu erfahren…

Natürlich soll man darüber streiten, ob die hier präsentierte Literatur aus Brasilien einigermaßen repräsentativ ist – sofern ein solches Ziel nicht per se unerreichbar bleiben muss. Selbstverständlich fällt auf, dass kaum afrobrasilianische Autoren vertreten sind, dass zudem mit Daniel Munduruku nur ein einziger indigener Brasilianer gekommen ist. Das brasilianische Verlagswesen, so wird immer wieder betont, ist in den großen Küstenstädten im Süden des Landes beheimatet. Viele Vertreter der aktuellen Literatur leben dort; sie sind eher weiß und kommen aus der Mittelschicht. Ob sich daraus Rückschlüsse auf die brasilianische Gesellschaft ziehen lassen und wie das in Deutschland vermittelte Bild wirkt, bedarf sicher der Diskussion. Diese aber immer wieder durch den Durchlauferhitzer Paulo Coelho zu pumpen, ist meines Erachtens der falsche Ansatz.

Paulo Coelho ist in Frankfurt präsent. Zum einen mit seinen zahlreichen Texten am Stand von Diogenes. Zum anderen grüßt er von den Werbeflächen auf den Shuttle-Bussen, die in hoher Frequenz und stoischer Ruhe zwischen den Messehallen pendeln.

Thomas Völkner

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