Frankfurter Buchmesse: Kann Literatur eine Gesellschaft verändern?

IMG_3001_MittwochEin Rest von Sonne am ersten Messetag. Die Besucher aus dem Gastland sind, sofern sie nicht eh‘ in Gegenden leben, in denen die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten vernachlässigt werden können, vom brasilianischen Frühling in den deutschen Herbst gereist. Wahrscheinlich hält das Wetter noch, bis die ersten Open-Air-Veranstaltungen über die neu gestalteten Bühnen zwischen den Messehallen gegangen sind. Luiz Ruffato wird später dort auftreten. Den Schriftsteller dürfte jedoch selbst der stärkste Sturm nicht schrecken. Dazu gleich noch mehr.

Der kurze Fußmarsch zum Messegelände führt an einem Beitrag zum Graffiti-Kunstprojekt vorbei, das derzeit in der Frankfurter Innenstadt zu bestaunen ist. Ein Dutzend brasilianischer Street-Art-Künstler bespielen höchst offiziell Gebäudefassaden, Straßenbahnen, Bauzäune – ohne dass ihre Werke von den Leuten der Stadtreinigung schnellstens wieder entfernt werden. Auf halber Strecke zwischen Hauptbahnhof und Messe prangt an der Fassade der evangelischen Matthäuskirche die riesige comicartige Figur von Speto, einem Vertreter der älteren Generation von Graffiti-Künstlern. Noch bis Ende des Monats, dann ist die Aktion genauso höchst offiziell wieder vorbei.

IMG_3021_MittwochDer Andrang zu Beginn des Messe-Mittwochs ist erträglich. Die ersten Besucher erkunden den brasilianischen Kulturpavillon, und auf dem Gemeinschaftsstand der Verleger aus dem Gastland empfängt man die ersten Geschäftspartner aus aller Welt. Hier gruppieren sich zahlreiche Tischchen, halbhohe Regale und die wichtigsten Bücher der beteiligten Verlage um mehrere Podien, Bühnen und Infostände herum. Im Halbstundentakt referieren Fachleute über Themen wie die Übersetzungsförderung, das akademische Publizieren oder – ganz allgemein – über die wirtschaftlichen Chancen des Verlagswesens in Brasilien. Den Anfang machten heute zwei Spitzenköche und der Herausgeber eines internationalen Referenzwerks für kulinarische Leistungen. Letzterer kam zwar nicht auf den Namen seiner brasilianischen Lieblingsfrucht, dass sie jedoch lecker schmeckt, war ihm noch präsent. Niemand konnte ihm weiterhelfen. Die Buchmesse kann manchmal durchaus als Sinnbild für die babylonische Sprachverwirrung herhalten. Wie dem auch sei. Ob die drei Podiumsteilnehmer im Anschluss gleich die Kochlöffel geschwungen haben, konnte ich nicht mehr miterleben. Allzu sehr interessierten mich die ersten Lesungen der Autoren Daniel Galera und Luiz Ruffato, die durch ihre Bücher in Deutschland bereits viel Aufmerksamkeit erhalten haben.

Bildung als Schlüssel zur Veränderung

Damit noch einmal zu Luiz Ruffato und seiner Rede bei der gestrigen Eröffnungsveranstaltung. Solche Termine haben ja meistens etwas Staatstragendes, besonders wenn ausländische Gäste beteiligt sind und die Buchmesse in diesem Fall der Außendarstellung Deutschlands dient. Die Reden sind dann ebenso freundlich wie unverbindlich. Anders Luiz Ruffato, der als offizieller Gastredner kaum ein Blatt vor den Mund nahm. Er stellte seinem Heimatland ein äußerst durchwachsenes Zeugnis aus, erwähnte gute Entwicklungen und – mehr noch – himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die brasilianische Geschichte stütze sich „fast ausschließlich auf der ausdrücklichen Negation des Anderen durch Gewalt und Gleichgültigkeit“. Eine lange Beispielliste folgte: null Verteilungsgerechtigkeit, potenzielle Schutzlosigkeit des Lebens angesichts der hohen Kriminalitätsrate, Ausgrenzung der Angehörigen ethnischer Minderheiten, Intoleranz gegen sexuelle Minderheiten. Der Schlüssel zu mehr und schnelleren Veränderungen liege möglicherweise in einem besseren Bildungswesen, das ohne die Bevorzugung der Angehörigen reicher Schichten auskomme. Brasilien sei ein paradoxes Land, so Ruffato, „gegenwärtig die siebtgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Und wir stehen weiterhin an dritter Stelle der Ungleichheit.“

Was das zahlreich erschienene, zumeist fein herausgeputzte Publikum vollends für den Redner einnahm, war dessen Blick auf den eigenen Lebensweg und die daraus gezogene Schlussfolgerung: „Als Kind einer Analphabetin und Waschfrau, eines des Lesens fast unkundigen Popcornverkäufers, selbst Popcornverkäufer, Kassierer, Verkäufer, Textilarbeiter, Dreher, Inhaber einer Imbissbude, wurde mein Leben verändert durch den, wenn auch zufälligen, Kontakt mit Büchern. Und wenn das Lesen eines Buchs den Weg eines Menschen verändern kann, und wenn die Gesellschaft aus Menschen besteht, kann Literatur eine Gesellschaft verändern.“ Es folgten lang anhaltender Beifall und Begeisterungsrufe. Ein wirklich außergewöhnlicher Moment für eine Veranstaltung dieser Art.

Text und Fotos: Thomas Völkner