Frankfurter Buchmesse: Mutige Verleger und historische Fotografien

Was wäre der Messeauftritt der Brasilianer ohne den Mut und das Durchhaltevermögen von rund zwei Dutzend Verlagen im deutschsprachigen Raum? Viele haben Texte studiert, Exposés gesichtet und Gutachten verfasst, ehe sie jene Entscheidungen trafen, die zur Veröffentlichung der Romane, Erzählbände und Sachbücher aus und über Brasilien führten. „Verlag“ kommt von „vorlegen“, vom In-Vorlage-Treten, meistens natürlich in Form von Geld. Das sollte idealerweise wieder eingenommen werden. Größere Verlage operieren mit einer Mischkalkulation, so dass nicht so gut laufende Bücher im Fahrwasser der Bestseller existieren können. Bei kleineren Verlagen mit überschaubaren Programmen ist mehr Risiko im Spiel. Wenn es schlecht läuft, wird schon eine einzige hoffnungsfrohe Investition – vielleicht in ein Buch aus Brasilien – zur Existenzgefährdung.

Bernardo Kucinski auf der Leseinsel der Independents

Bernardo Kucinski auf der Leseinsel der Independents

Mehrere konzernunabhängige Verlage haben sich in Halle 4 rund um eine eigene „Leseinsel“ niedergelassen, also um eine Bühne, auf der im Halbstundentakt vorgelesen, präsentiert und gefachsimpelt wird. Die Independents stemmen gemeinsam ein ansehnliches Programm, zu dem sie einzeln nicht in der Lage wären. Gleich mehrere haben derzeit Romane und Erzählbände aus Brasilien im Gepäck und organisieren Autorenlesungen mit kurzen Fragerunden. Der Münchner A1-Verlag brachte João Paulo Cuenca mit, von dem mit „Mastroianni. Ein Tag“ und „Das einzig glückliche Ende einer Liebesgeschichte ist ein Unfall“ (welch ein Titel!) bereits zwei Veröffentlichungen auf Deutsch vorliegen. Mit Beatriz Bracher und Luiz Ruffato, der seit seiner Rede am Eröffnungstag in aller Munde ist, schickte der Verlag Assoziation A gleich zwei seiner Autoren auf die Leseinsel. Beatriz Bracher konnte dabei auch auf die Anthologie „Wenn der Hahn kräht“, ein Buch mit Texten von brasilianischen Schriftstellerinnen aus der „edition fünf“, verweisen, an der sie beteiligt ist. Schließlich las Bernardo Kucinski aus „K. oder Die verschwundene Tochter“ (Transit Verlag), einer literarisch außergewöhnlichen, halb-autobiographisch grundierten Erzählung über die Suche nach einer Frau, die zum Opfer der Praxis des Verschwindenlassens während der Militärdiktatur von 1964 bis ’85 wurde.

Wäre das Interesse, das diesen Büchern und ihren Autorinnen/Autoren auf der Buchmesse entgegengebracht wird, ein Indikator für wirtschaftlichen Erfolg, bräuchte man sich um die mutigen Verlage nicht zu sorgen. Natürlich beeinflusst den Buchverkauf viel, viel mehr als ein gelungener Auftritt auf einer Leseinsel. (Bestimmt hilft selbst lesen und weitersagen…)

Fotografischer Schatz gehoben

Poster zum Klagsbrunn-Bildband

Poster zum Klagsbrunn-Bildband

 

Ein unternehmerisches Risiko hat ohne Zweifel auch der unabhängige Weidle-Verlag auf sich genommen, als er aus dem schier unüberschaubaren Konvolut von 150.000 Negativen, Kontaktabzügen und sonstigen Dokumenten des 2005 verstorbenen Fotoreporters Kurt Klagsbrunn einen tollen Bildband gemacht hat. Klagsbrunn war nach seiner Flucht aus dem „angeschlossenen“ Österreich 1941 in Brasilien eingetroffen und hat dort jahrzehntelang als Fotograf gearbeitet. Er lieferte Bildreportagen für renommierte Zeitschriften („Time“ und „Life“ aus den USA, „O Cruzeiro“ aus Brasilien), dokumentierte die Fußball-Weltmeisterschaft 1950 ebenso wie die Aufenthalte internationaler Stars im glamourösen Rio der 50er Jahre. Beim Durchblättern fallen die vielen Straßenszenen aus den Metropolen auf, daneben auch Impressionen vom Bau Brasílias, aufgenommen etwa ein Jahr vor Fertigstellung der neuen Hauptstadt. Die berühmte Catedral Metropolitana de Nossa Senhora Aparecida ist auf Klagsbrunns Schwarzweißfoto noch ein reiner Rohbau, bei dem die berühmte hyperbolische Form allerdings schon klar erkennbar ist.

Gleich geht’s nach Hause … aber zuvor noch Clube do Choro

Gleich geht’s nach Hause … aber zuvor noch Clube do Choro

Jetzt wäre eigentlich der passende Zeitpunkt, sich die Ausstellung „…mehr vorwärts als rückwärts schauen…“ zum deutschsprachigen Exil in Brasilien (1933-45) anzuschauen, die gerade in der Deutschen Nationalbibliothek ein paar Kilometer weiter läuft. Doch selbst der hartgesottenste Besucher der Buchmesse braucht mal ein bisschen Ruhe. Ob man es sich eingestehen will oder nicht – ein ganzer Tag inmitten von Büchern und Büchermenschen kann anstrengend sein. Zum Glück bieten die Brasilianer zum Tagesausklang etwas zum Runterschalten: Ab kurz vor sechs geben die fünf Musiker von Clube do Choro aus Salvador da Bahia im Kulturpavillon ein ungezwungenes Choro-Konzert. Wunderbare Melodien in mitreißenden Samba-ähnlichen Rhythmen, vorgetragen in klassischer Besetzung mit sechs- und siebensaitigen Gitarren, Mandoline, Cavaquinho und Pandeiro. Die meisten Besucher gehen mit, wippen mit ihren geschundenen Füßen, auf denen sie zuvor stundenlang unterwegs waren.

Text und Fotos: Thomas Völkner