Kolumbien: Friedensarbeiter an der Basis

Margarita Martines und Gloria Viuda Hidalgo (Laien einer Coppas-­ Gruppe) besuchen die im Rollstuhl sitzende Luz Angelica Guevera. Fotos: Jürgen Escher

Wir sind in Pasto angekommen, der letzten Station unserer Kolumbienreise. Die auf 2.500 Metern Höhe in einem Tal der Anden gelegene Stadt war lange durch ihre Abgeschiedenheit vom Rest Kolumbiens abgetrennt. Erst seitdem die Pan-Americana-Autobahn sich auf dem Weg an die nur 90 Kilometer entfernte Grenze zu Ecuador an Pasto entlang vorbeischlängelt, fand die Region wieder den Anschluss.

Doch der vom fernen Bogotá aus gesteuerte Staat ist immer noch weit entfernt. Unter Ex-Präsident Álvaro Uribe flossen sogar über Jahre kaum öffentliche Gelder in die von der Opposition regierte Region. Die Ergebnisse der Vernachlässigung sind überall: schlechte Schulen, mangelhaft ausgestattete Hospitäler, kaum Ausbildungs- oder Arbeitsplätze, Sozialwohnungen nur für Anhänger der Regierung, dazu mit Schlaglöchern übersäte Wege.

Doch vor zehn Jahren ging ein Ruck durch die Gesellschaft, die Bürger hatten die Nase von der staatlichen Passivität voll und gründeten im Bistum Pasto innerhalb ihrer Gemeinden Laiengruppen, COPPAS genannt, die sich im Rahmen der Sozialpastoral um ihre Mitbürger kümmern.

Maria Elena zündet in ihrem Hausaltar eine Kerze an.

Viele kommen im Paragraphendschungel der Gesetze nicht zurecht

So wie Margarita Martines und Gloria Viuda Hidalgo, die wir in der Parroquia Nuestra Señora de la Paz am Stadtrand von Pasto treffen. Heute besuchen die beiden Frauen die 82-jährige Luz Angelica Guevara, die seit Jahren im Rollstuhl sitzt. Gepflegt wird die schwerkranke Frau von ihrer Nichte Maria Estela Gomes, die sich zudem noch um ihren eigenen kranken Mann kümmert.

Maria Estela musste dafür ihren Job aufgeben. Wie soll sie nun die teuren Medikamente bezahlen? Margarita und Gloria wollen ihr helfen, bei den Behörden Anträge auf Zuschüsse zu stellen. „Das Recht darauf hat sie schließlich“, erklärt uns Margarita. Doch viele Menschen hätten Angst, den Antrag zu stellen, oder kämen im Paragraphendschungel der Gesetze nicht zurecht.

Im Nachbarhaus kennt man bereits die Rechte, die beiden COPPAS-Frauen haben die 74-jährige Clara Insuasti und ihre Adoptivtochter Maria Elena (46) beraten und ihnen beim Erlangen von Zuschüssen geholfen. Doch heute sind andere Fähigkeiten gefragt. Maria Elena weint, ist niedergeschlagen. Sie hat Krebs, ist am Ende ihrer Kräfte. Und Hoffnung.

Der 6­‐jährige Juan José ist trotz vieler Operationen ein unglaublich lebensfrohes Kind.

Der 6­‐jährige Juan José ist trotz vieler Operationen ein unglaublich lebensfrohes Kind.

Gemeinsam beten und sich gegenseitig stützen

„Du darfst jetzt nicht aufgeben, Du hast schon so viel geschafft“, ermahnt Margarita. Gemeinsam beten die Frauen, lesen ein wenig in der Bibel, versuchen einander zu stützen. Maria Elena zündet eine Kerze an. Langsam beruhigt sie sich. Und lächelt ein wenig.

Hoch oben über der Stadt erschallt derweil lautes Lachen. Der sechsjährige Juan José sitzt auf dem Boden vor seinem Haus und streckt sich, versucht, die von seinem älteren Bruder Daniel geschossenen Bälle zu fangen. „Juan José hat jetzt die zehnte Operation hinter sich“, erzählt Sonia, die Mutter der beiden. „Aber ihm merkt man nichts davon an, stets lächelt er.“

Juan José wirkt auf den ersten Blick wie ein vollkommen normales Kind. Erst wenn er versucht, sich mit Hilfe eines Rollators zu bewegen, wird klar, was für ein schweres Schicksal der kleine Junge hat. Er wurde mit vollkommen verstümmelten Beinen geboren, zudem fehlen ihm Teile des Gesäßes.

Beim Kaffeeverkauf zusammenschließen

„Dank der Operationen kann er heute zur Schule gehen, wo er Klassenbester ist“, erzählt stolz die 80-jährige Ordensschwester Pilar Cumba, die die Familie seit Jahren begleitet. „Hätte ich am Anfang nicht die Unterstützung der Schwester gehabt, hätte ich nicht weiter gewusst“, so Mutter Sonia. Sie holt ihr Fahrrad aus dem Schuppen, setzt den kleinen Juan José hinten drauf und radelt los zur Schule.

Auch in den Dörfern des Umlands sind die COPPAS-Gruppen aktiv. Wir sind im Dorf Ricaurte, rund eine Autostunde außerhalb von Pasto. Und rund 700 Meter tiefer, was das Anpflanzen von Bananen und Zitrusfrüchten erlaubt. Und Kaffee. Lange galt der Kaffee aus der Region Pasto als der beste ganz Kolumbiens. Aber zuletzt litten die Bauern unter den niedrigen Preisen.

Auf der Finca von José Santos Samudio trifft sich heute die regionale COPPAS-Gruppe. Aus den umliegenden Dörfern sind Bewohner gekommen, gemeinsam will man neue Strategien beraten. José Santos Samudio regt an, sich beim Kaffeeverkauf zusammenzuschließen um damit die Zwischenhändler zu umgehen. „Diese zahlen uns viel zu niedrige Preise, und selber verdienen sie sehr viel beim Weiterverkauf.“

Coppas-­Mitglieder arbeiten gemeinsam im Dorf Ricaurte auf den Feldern.

Coppas-­Mitglieder arbeiten gemeinsam im Dorf Ricaurte auf den Feldern.

„Kämpfen ist kein Weg“

Die 31-jährige Claudia Burbano leitet die örtliche COPPAS-Gruppe. Die Landwirtin und Mutter von zwei Kindern weiß, wie sie ihre Gruppe motiviert. Ein jeder solle doch bitte seine Ideen einbringen, damit man sie in der Runde diskutieren könne. Heute lautet das Thema „organischer Anbau“.

„Früher haben die Bauern viel Chemie auf ihre Felder geschüttet, was die Qualität der Früchte gemindert und die Böden ausgelaugt hat“, erzählt Álvaro Montilla. Er leitet den Rest der Gruppe an, wie man mit Humus viel bessere Ergebnisse erzielen kann. Man plant, die Produkte in ganz Kolumbien zu verkaufen.

In den letzten Jahrzehnten hatten sich viele Bauern den Guerillas angeschlossen, um gegen die ungerechten sozialen Zustände auf dem Land anzukämpfen. Doch kämpfen sei kein Weg, meint Bauer Samudio, man müsste stattdessen selber mit friedlichen Mitteln Lösungen suchen.

„Unsere Arbeit in den COPPAS ist letztlich eine Arbeit für den Frieden“, erzählt uns Maria Elena Arteaga, die die zahlreichen COPPAS-Gruppen in Südkolumbien koordiniert. „Man kann nicht erwarten, dass die Waffen niedergelegt werden sollen, wenn sich nichts an der Realität ändert.“ Ohne den Frieden im Kleinen, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, könne es keinen Frieden in ganz Kolumbien geben.