Brasilien: Gedenkmarsch Guarani-Kaiowa

Ein sonniger Morgen, strahlend blauer Himmel – Mittwoch, 30. November  2011. Indigene der Ethnie Guarani-Kaiowá kommen von überall her, vom Norden, Süden, Osten und Westen des Bundesstaates Mato Grosso do Sul. Verwandte der Ethnie Terena, Vertreter anderer indigener Völker des Bundesstaates, der APIB (Articulação dos Povos Indigenas do Brasil, Verband der Indigenen Völker Brasiliens), der COIAB (Coordenação das Organizações Indigenas da Amazônia Brasileira, Koordination der Indigenen Organisationen des Brasilianischen Amazoniens), ARPINSUL (Articulação dos Povos Indigenas da Região Sul, Verband der Indigenen Völker der Region Süden) kommen dazu, sowie Aktivisten von Sozial- und Studentenbewegungen und offizielle Vertreter verschiedener Bundesorgane aus der Hauptstadt Brasília.


Es bildet sich eine langer Zug von mehr als 500 Menschen auf der Bundesstraße MS-386, in Höhe des Posto Taji, 7 km vom Lager Guayvyri entfernt, wo am 18. November der Kazique (Häuptling) Nísio Gomes überfallen und verprügelt wurde, wo gedungene Mörder mit seinem Leichnam verschwanden.
Die Menschen mit ihren charakteristischen Körperbemalungen, mit schwarzen Bändern um Arme und Stirn als Zeichen der Trauer, mit Pfeil und Bogen in den Händen beginnen den Marsch mit Tänzen und Gebeten und ziehen unter der glühenden Mittagssonne bis zu dem kleinen Waldstück, wo die Indigenen seit dem Überfall lagern.
Der Marsch, begleitet von Wagen der Nationalgarde, zieht über die Bundesstraße MS-386, die von Sojapflanzungen gesäumt wird, und nimmt auf einer Länge von etwa 200 Metern die eine Straßenseite ein, wie um die beiden Segmente zu symbolisieren, in die heute unsere Gesellschaft gespalten ist. Auf der einen Seite diejenigen, die nur mit der Sicherheit und Hoffnung des FRIEDENS unterwegs sind – Menschen, die mit den Waffen des Friedens, des Mbaraka und des Wortes kämpfen und sich bewusst sind, dass die Guarani-Kaiowá  an die Heiligkeit der Erde ihrer Ahnen, des Tekoha, glauben. Und auf der anderen Seite diejenigen, welche die Macht des Gewinns in Händen halten und ihr Vertrauen auf sie setzen.

Wie noch 33 andere Lager im Süden von Mato Grosso do Sul, wartet das Lager Tekoha Guayvyri seit seiner dritten Wiederaufnahme vor etwa einem Monat auf die Veröffentlichung des anthropologischen Berichtes der Arbeitsgruppen der FUNAI (offizielles Staatsorgan zur Unterstützung der Indigenen Bevölkerung Brasiliens), damit die Bundesverfassung erfüllt wird, die im Artikel 231 ihre Rechte garantiert. Sie fordern von der Bundesregierung, dass ihre Landgebiete demarkiert und sanktioniert werden, damit die Indigenen endlich wieder in ihren traditionellen Landgebieten leben können und in ihren verschiedenen und vielfältigen kulturellen Rechten respektiert werden.

Am Eingang des Gebietes, in dem die Indigenen lagern, vor der Fahne mit dem Namen „Tekoha Guayvyri“, sang und tanzte eine Gruppe von Indigenen zum Empfang der „Brüder und Schwestern“, die ihnen auf ihrem Marsch entgegenkamen. Die Menschen, die im Tekoha Guayvyri lagern, brechen auf, um denen entgegenzuziehen, die zu ihrer Unterstützung von weit her gekommen sind. Die beiden Gruppen treffen sich und ziehen dann in der gleichen Richtung weiter, zum Ort des grausamsten und unmenschlichsten Geschehens des Überfalls: der Ermordung von Nísio Gomes. Der Zug verlässt die asphaltierte Straße und zieht mehr als 3km über den Weg zwischen den Sojapflanzungen zum Lager inmitten des Waldreservates.

“An diesem Ort fiel unser Anführer, wie so viele andere in diesem Bundesstaat, und sein Leichnam wurde entführt, wie so viele Leichname anderer Leitungspersonen, die in Mato Grosso do Sul ermordet wurden“ – das ist der Tenor dessen, was die Indigenen und ihre Anführer immer wieder sagen.
Nach dem anstrengenden Marsch erfrischen sich Erwachsene und Kinder in dem Bach, dessen kühles Wasser sich durch den Wald schlängelt. Hier, wo das Zelt von Nísio Gomes stand, lagerten wir und erhielten einen Imbiss. Und wie bei einem zelebrativen Ritual nährt sich das Volk der Guarani-Kaiowá auch von der Mystik des WORTES. Es folgte eine ‘Aty’, eine große Versammlung in der Sprache der Kaiowa, bei der verschiedene Leitungspersonen gehört wurden. Dann wenden sich die Leiter an die Vertreter des Kultusministeriums, der FUNAI, SESAI, Embrapa und an den Kontaktsekretär zu den Sozialbewegungen, Paulo Maldos. Mit Nachdruck und Vehemenz verlangen sie, dass die Bundesregierung sich die Existenz und den Kontext der Konflikte klarmacht, unter denen die Kaiowá leiden, und sich an deren verfassungsmäßigen Rechte erinnert, vor allem an das Recht auf Land und kulturelle Andersartigkeit. Lindomar Terena erinnert Paulo Maldos an Folgendes: “Tag für Tag werden unsere Anführer ermordet, ohne dass die Mörder für ihre Brutalität und Ignoranz verurteilt werden. Und das nur deshalb, weil sie die Geschichte und die Kultur unseres Volkes nicht kennen […]. Was wir von der Regierung Dilma erwarten, die eine Geschichte von Aktivismus und Basiskämpfen hat, und die in ihren Reden im Ausland verkündet: ‚in diesem Land werden die Menschenrechte niemals zur Verhandlung stehen’, ist einfach, dass diese Regierung etwas unternimmt. Solange unsere Landgebiete nicht demarkiert werden, sind wir gezwungen, uns zu organisieren und um sie zu kämpfen […]. Solange unsere Landgebiete nicht demarkiert sind, werden wir zusehen müssen, wie unseren Leuten das Leben genommen wird. Ich appelliere an die brasilianische Regierung, deren Vertreter hier stehen, und versichere, dass das indigene Volk nicht aus Heiligen besteht, die von Gelübden [Versprechungen] leben.“
Dieser Ritus Guarani-Kaiowá hatte nach den Worten ihrer Anführer den Sinn, „den Ort abzukühlen“, an dem Gewalt und Blutvergießen geschah, damit der Friede und die Harmonie in das Lager zurückkehren können. Und Brasilien und die Welt beobachten aufmerksam und besorgt die Lage der Guarani-Kaiowá in Mato Grosso do Sul.

Von Elisa Maria Bisol

(Übersetzung: Monika Ottermann – monicacebi@uol.com.br)

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