Gekommen, um zu bleiben: Ein deutscher Menschenrechtsanwalt in Guatemala

Seit über 20 Jahren in Guatemala: Anwalt Michael Mörth (Foto: Elisabeth Schomaker)

Seit über 20 Jahren in Guatemala: Anwalt Michael Mörth (Foto: Elisabeth Schomaker)

Durch einen grünen Innenhof mitten in Guatemala-Stadt gelangen wir in einen Konferenzraum des „Bufete Juridico de Derechos Humanos“ (BDH), einer der wichtigsten Menschenrechtskanzleien Guatemalas. Wir sind zu Besuch beim deutschen Anwalt Michael Mörth, der seit über 20 Jahren in Guatemala lebt. Mörth arbeitete als Rechtsanwalt in Dortmund, als er 1995 das Angebot bekam, nach Guatemala zu kommen und bei der juristischen Aufarbeitung des Bürgerkriegs zu helfen. Gerufen wurde er von Juan Gerardi, dem Weihbischof des Erzbistums Guatemala, der für die katholische Kirche Guatemalas eine Wahrheitskommission leitete, die die grausamen Verbrechen während des Bürgerkriegs aufarbeitete. „Ich habe keine drei Sekunden darüber nachgedacht“, sagt Mörth. „Es war sofort klar, dass ich das machen würde.“ Mit seinen Kollegen in Deutschland verabredete er, dass er nach Abschluss des Projekts zurückkehren werde. Doch es kam anders.

Drei Jahre lang befragten Mörth und seine Kollegen Augenzeugen und dokumentierten die grausamen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen, die während des 36-jährigen Bürgerkriegs (1960 bis 1996) vom Militär und der Guerilla begangen wurden: Mord, Folter, Vertreibung, öffentliche Massenvergewaltigungen. Auf Entschädigung warten die meisten Opfer bis heute; ein Großteil der Bevölkerung ist traumatisiert.

Im April 1998 übergab die Wahrheitskommission, für die Mörth arbeitete, der Öffentlichkeit die Dokumentation „Guatemala: Nunca mas.“ („Guatemala: Nie wieder“), einen offiziellen Untersuchungsbericht zur „Wiedererlangung der historischen Gedächtnisses“. In diesem Bericht sind Aussagen tausender Zeugen und Opfer der Unterdrückungen während des Bürgerkrieges aufgezeichnet; die meisten Verbrechen werden darin der Armee und Funktionären der Regierung zugeschrieben. Gerardi benannte Täter – und das wurde sein Todesurteil. Nur zwei Tage später, am 26. April 1998, wurde er von Angehörigen der Armee ermordet. Als der Weihbischof spät abends in der Garage seines Pfarrhauses im Zentrum von Guatemala-Stadt aus dem Auto stieg, schlugen sie mit einem schweren Stein auf ihn ein, immer wieder – so sehr, dass man ihn später nur noch auf Grund seines Bischofsrings identifizieren konnte.

„Der Mord an Monsenor Gerardi war für mich ein Punkt, an dem ich nicht mehr zurück konnte“, sagt Mörth. Er blieb – und arbeitet bis heute an der juristischen Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen und Korruption in Guatemala.

Autorin: Elisabeth Schomaker, Fotografin für die Katholische Nachrichtenagentur (KNA)

Mayavölker in entlegenen Bergdörfern, Menschenrechtsorganisationen in der Hauptstadt, Protestinitiativen gegen ein Bergbau-Großprojekt – das sind die Stationen der Pressereise nach Guatemala, die Adveniat mit neun Journalisten verschiedener Medien unternommen hat. Ihre Berichte werden im Herbst veröffentlicht: im Deutschlandradio und im Kölner Domradio, in der Südwestpresse oder der Schwäbischen Zeitung. Kleine Anekdoten „vom Wegesrand“ erzählen die Journalisten vorab im Adveniat-Blog.