WJT: Geschüttelt – nicht gerührt

Nein, du steigst nicht einfach nur so in den Bus – in Rio ist das Busfahren ein ganz besonderes Vergnügen. Der Bus stoppt an der Haltestelle nur wenige Sekunden und du musst schnellst möglicht in ihn hineinspringen. Sobald die letzte Person die unterste Stufe des Einstiegs betreten hat, fährt der Bus mit noch geöffneten Türen Vollgas los. Festhalten! Das Fahrvergnügen geht weiter.

Als ob dies nicht schon riskant genug wäre, musst du während der rasanten Fahrt bei einem Kassierer dein Ticket lösen und ein Drehkreuz passieren. Dieses Drehkreuz ist ein architektonisches Wunderwerk, ganze 30 mal 30 Zentimeter entscheiden über Weiterkommen oder Blamieren. Da heißt es Taschen anheben und Bauch einziehen.

Hast du nach einiger Mühe das große Hindernis des Drehkreuzes überwunden, ist das Abenteuer Busfahrt noch nicht beendet. Der Sitzplatz ist quasi die Firstclass. Angenehmes Sitzen, kaum Enge und man kann die schönen Plätze Rios bestaunen. Ansonsten heißt es festhalten und standhaft bleiben. Zwischen gefühlten 100 brasilianischen Menschen eingeklemmt im Gang stehend, ist es gar nicht so einfach bei Tempo 80 die Kontrolle über sich zu behalten.

Volle Kraft vorraus

Der Busfahrer führt seinen Job sehr leidenschaftlich aus: Er fährt mit voller Innbrunst schnellstmöglichst durch die Stadt. Kurven werden gerne Vollgas mitgenommen. Straßenunebenheiten sind auch kein Problem: einfach mit voller Kraft und Tempo drüber. Die Busfahrt kommt einer Achterbahnfahrt gleich. Man wird durchgeschüttelt, in die Luft katapultiert und bleibt niemals bewegungslos. Die Geräuschkulisse ist im Preis mit inbegriffen.

Diese großartige Eigenmotivation der Busfahrer kommt daher, dass sie nach Personenbeförderung bezahlt werden. Das heißt, je schneller sie fahren, desto mehr Personen steigen ein. Das Leben auf den Straßen Rios ist ein Kampf. Wer zuerst kommt, bekommt mehr Personen und somit auch mehr Geld. Gegenseitiges Überholen erhöht den Profit. Ihr merkt, das Busfahren ist ein wahnsinniges Abenteuer und es wird gewiss nicht langweilig.

Text: Eva Schockmann und Florine Scherer, Foto: Mareille Landau