Gottesdienst per Live-Stream – kommt da was an?

Eröffnung Büro - Adveniat

Zwischen kühler Technik und adventlicher Emotion – meine Live-Stream-Kulisse

Ich muss gestehen, ich bin bei Fernsehgottesdiensten oder Messen per Livestream immer etwas skeptisch. Auch wenn es natürlich erst einmal eine nach wie vor faszinierende Technik ist, die Menschen weltweit an etwas Teil haben lässt, das sie sonst wohl nicht miterleben würden. Aber irgendwie fehlt da natürlich etwas. Ein so emotional aufgeladenes Ereignis wie einen Gottesdienst vor dem Flachbildschirm mitzuerleben –

Was kommt da überhaupt an?

Ohne dass ich an der Heiligen Kommunion teilnehmen kann? Ohne die Gemeinschaft in einem Raum zu teilen? Und ohne mitzusingen? Na gut, ich könnte – aber naja…

Gottesdienst im Flachbildformat

Für die Adveniat-Aktionseröffnung habe ich es heute doch noch einmal gewagt. Habe versucht alles andere auszublenden, visuell in meinen Bildschirm hineinzukriechen und Geist und Herz zu öffnen, für das was da im 600 Kilometer entfernten Augsburg geschieht. Zugegeben: Es war nicht ganz einfach, sich gedanklich vom Bürostuhl und dem flimmernden Bildschirm zu lösen.

Aber doch!

Aber es ist doch etwas angekommen bei mir. Es ist angekommen, dass es ein besonderer Gottesdienst war. Ich weiß, der Begriff „besonders“ ist irgendwie abgenutzt. Und damit meine ich auch nicht, dass er wichtiger oder prominenter war, als irgend ein anderer. Nein, es war ein besonderer, weil es ein Gottesdienst war, in dem die Vision für die Jugend im Mittelpunkt stand. Für die Jugend hier bei uns, für die in Lateinamerika und für die weltweit. Eine gute Stunde, in der die Anwesenden und viele Andere vor den Computerbildschirmen und dem Radio im Geiste beisammen waren, um mit ihrer Präsenz darauf aufmerksam zu machen, dass eine Zukunft für die Jugend dieser Welt nicht aus dem Nichts auftaucht, sondern dass wir alle unseren Teil dazu beitragen müssen.

Die Realität zu Gast im Altarraum

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Worte, die mir im Kopf geblieben sind – Weihbischof Gregorio Rosa Chávez bei der Aktions-Eröffnung in Augsburg.

Und es war ein Gottesdienst, der klare Worte gefunden hat. Der die Realität nicht mit dem ersten Kreuzzeichen vor der Domtür lies, sondern sie im Gegenteil mit herzlicher Bestimmheit mit in den Altarraum eingeladen hat. „Die Gewalt in El Salvador ist allgegenwärtig. Vor allem Jugendliche sind die Opfer dieser Gewalt, wenn sie bereits als Kinder von Kriminellen als Handlanger missbraucht werden“, sagte unser Aktionsgast Weihbischof Gregorio Rosa Chávez in seinem Sendungswort. Ein Satz, der verbal so klar die Realität in einen Kirchenraum holt, dass es fast ein bisschen schmerzt in einer so feierlichen Atmosphäre des ersten Adventssonntags. Aber das soll es ruhig. Denn der erste Schritt etwas an der Zukunft zu verändern, ist nunmal die Gegenwart wahrzunehmen und das auszusprechen was weh tut. Uns selber oder anderen. Für uns oder für andere.

Und auch die Gabenprozession hat mich auf ihre Weise über die kühlen technischen Drähte der Internetkommunikation erreicht. Weil auch sie auf die Lebensrealität von Menschen gesetzt hat. Da haben Mitglieder der DJK Sportjugend einen fair gehandelten Fußball als Symbol für die Aktion Steilpass niedergelegt, um auf die Situation junger Menschen in Brasilien aufmerksam zu machen. Denn viele von ihnen haben dort keine Chance auf eine gute schulische und berufliche Ausbildung. Und ein kleiner Knirps hat ein Bild von Oscar Romero vor dem Altar niedergelegt. Von dem großen Bischof, der vor knapp 35 Jahren sein Leben gab für seinen Glauben und seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit und politische Reformen, die dem Menschen dienen.

Kopf und Herz vs. Haut und Haar

Kurz und gut: Ich bleibe wohl dabei, dass ich meine Skepsis gegenüber Messe per Live-Stream nicht ganz ablegen kann. Aber dafür ist doch einiges bei mir angekommen. Vielleicht nicht in der emotionalen Stärke, wie man es sich wünschen würde. Und es hat auch ein wenig gedauert, bis ich mich gedanklich aus meinem Bürostuhl in den Dom nach Augsburg gebeamt hatte, aber irgendwann waren Kopf und Herz dann doch dabei.

Mit Haut und Haar hat meine Kollegin Carolin Kronenburg die Feier erlebt. Wie sie die Eröffnung wahrgenommen hat, erfahrt ihr morgen.