Guatemala: Boxenstopp auf dem Maya-Markt

Fabienne Kinzelmann auf dem Markt in Chajul - mos

Fabienne Kinzelmann auf dem Markt in Chaju. Foto:Moritz Schildgen

Dass ich aus der Nummer nicht mehr rauskomme, wird mir spätestens klar, als mich Rosa in Sekundenschnelle auf den Boden weist, um meinen Kopf zu bedecken, und mich anschließend wieder hochwinkt, damit sie mir aus einem großen roten Tuch einen Rock wickeln kann. „Boxenstopp“, attestiert Kollege Moritz später, weil das so unfassbar schnell geht: Zack! Shirt an. Zack! Tuch aufm Kopp. Zack! Wickelrock. Rosa winkt mich jetzt noch mal runter (sie ist viel kleiner als ich) und legt mir eine Kette um den Hals. Als sie zurück tritt und stolz ihr Werk präsentiert, stehen längst Kinder und andere Frauen um uns herum, die mich, die 1,78 Meter große Gringa, anstarren.

Tuchfühlung mit den Maya Ixil

Wir sind auf dem Markt in Chajul. Es ist eine kleine Stadt im Hochland von Quiché, einer Region in Guatemala, die am stärksten unter den Nachwirkungen des langen Bürgerkrieges leidet. Am Morgen haben wir ein Märtyrergrab besucht und mit Menschen vor Ort gesprochen, kurz vor dem Mittagessen haben wir Zeit für einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Auf dem Markt drängen sich die Maya Ixil, welche in der Region leben. Der Markt ist der Dreh- und Angelpunkt der Stadt, hier gibt es Textilien, Früchte, Gemüse, Handwerksmaterialien, Eier und Hühner. Eigentlich wollte ich hier nur einen Schal kaufen, aber dann betrachtete ich eine Sekunde zu lange Rosas Waren – und schon begann sie, mich einzukleiden.

Bunter Schmuck als Zeichen von Respekt

Ich trage immer noch die Maya-Tracht, als Rosas Tochter ihre Mutter und sich selbst auf Spanisch vorstellt. Dass sie überhaupt Spanisch kann, ist keine Selbstverständlichkeit: Knapp 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Guatemalas sind Maya, die sich in 21 Sprachstämme aufteilen. Ihre traditionelle Tracht besteht je nach Stamm aus verschiedenen farbenfrohen und kunstvoll bestickten Oberteilen, einem Rock, manchmal Gürteln, buntem Schmuck und einem Tuch, das als Zeichen von Respekt gefaltet auf dem Kopf getragen wird – zudem dient es als Unterlage für Waren, die auf dem Kopf transportiert werden. Ich antworte Rosas Tochter auf Italienisch und reiche ihrer Mutter die Hand. Die beiden lachen, ich lache auch und dann bezahle ich 300 Quetzales (ungefähr 34 Euro) für das leuchtend pinke Oberteil. Vermutlich hätte ich den beiden auch das Doppelte gegeben, aber sie haben die Situation nicht ausgenutzt. Keine Ahnung, wann ich das Shirt zuhause jemals tragen kann, aber die stolze Freude in Rosas Gesicht war den Kauf definitiv wert.

Autorin: Fabienne Kinzelmann, Stipendiatin der katholischen Journalistenschule ifp in München und freie Journalistin, u.a. für Spiegel Online.

Mayabewohner in entlegenen Bergdörfern, Menschenrechtsorganisationen in der Hauptstadt, Protestinitiativen gegen ein Bergbau-Großprojekt – das sind die Stationen der Pressereise nach Guatemala, die Adveniat mit neun Journalisten verschiedener Medien unternommen hat. Ihre Berichte werden im Herbst veröffentlicht: im Deutschlandradio und im Domradio, bei der Südwestpresse oder der Schwäbischen Zeitung. Kleine Anekdoten „vom Wegesrand“ erzählen die Journalisten schon vorab, hier im Adveniat-Blog. Fabienne Kinzelmann hat ihre Reiseeindrücke außerdem im Blog der Journalistenschule ifp festgehalten.