Guatemala: Unsichtbare Gewalt

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Friedlich sieht er aus, der Basketballplatz gegenüber der Kirche Santa Catarina Pinula. Doch bei Dunkelheit ist es der gefährlichste Ort im Viertel. Fotos: Achim Pohl

Guatemala ist nach Honduras und zusammen mit El Salvador das gefährlichste Land Lateinamerikas. Auf den ersten Blick wirkt es nicht so. Auf dem Platz gegenüber der großen Kirche in Santa Catarina Pinula findet gerade ein Basketballspiel statt. Um das Feld sitzen Zuschauer und nippen an ihrer Cola. Nebenan wird in kleinen Grüppchen Fußball gespielt, manchmal rollt der Ball zu Kleinkindern, die mit ihren Dreirädern unterwegs sind. Gefährlich wirkt das alles nicht.

„Alleine traue ich mich nicht rüber“, sagt mir Marina und schaut von den Treppenstufen der Kirche zum gegenüberliegenden Platz. Die junge Frau wohnt in dem Viertel und engagiert sich in der Gemeinde von Santa Catarina Pinula. „Es ist der gefährlichste Ort hier im Viertel.“ Das sei vor allem bei Dunkelheit so, aber auch jetzt wäre niemand sicher. Die gemütliche Wochenendstimmung trügt. Das Viertel um die Kirche ist ein Rotlichtviertel und Drogenumschlagplatz Nummer eins. Niemandem ist anzusehen, ob er zu einer der berüchtigten Jungendbanden gehört, die in Guatemala alle Menschen in Angst versetzen. Innerhalb von Sekunden könne die friedliche Stimmung umschlagen. „Früher war das nicht so. Da konnten wir auch abends noch mit unseren Freunden auf der Straße spielen. Jetzt treffen wir uns nur noch drinnen“, erzählt Marina.

_MG_6794Geheimes Verbrechen

Das alltägliche Verbrechen findet allerdings drinnen statt. Genauso unberechenbar wie auf dem Platz – zum Beispiel im Bus. In den letzten drei Jahren wurden 2.000 Busfahrer ermordet. Es ist der gefährlichste Beruf im Land. Haupttäter sind Jugendbanden, die Schutzgelder einfordern. Da die meisten Busfahrer nicht zahlen wollen oder können, sterben sie. Das führt dazu, dass jeder der es sich leisten kann mit seinem eigenen Auto unterwegs ist – und das wiederum führt zu einer schrecklichen Verkehrslage.

Auch häusliche Gewalt ist alltäglich. „Schuld ist der Alkohol. Der Mann kommt abends betrunken nach Hause und dann beginnen die Diskussionen. Nicht selten schlägt er die Frau“, erzählt Marina. Der Anstieg der Gewalt gegen Frauen und Mädchen konnte in Guatemala bisher nicht gebremst werden. 2013 sind mehr als 700 Frauen ermordet worden. Schuld daran ist die Unterdrückung, aber auch Unterwerfung der Frau – vor allem aber die fast vollständige Straflosigkeit im Land.

_MG_7492Waffen als Abschreckung

Entgegenwirken sollen im öffentlichen Raum Polizisten oder anderes Wachpersonal. Überall sind sie präsent, immer ausgestattet mit Maschinengewehren. Dass sie im Fall der Fälle viel ausrichten können, wage ich zu bezweifeln. Aber sie scheinen ihre Wirkung zu haben, sonst gäbe es sie nicht so zahlreich.

Auch auf dem Platz in Santa Catarina Pinula entdecke ich im Schatten der Bäume zwei Polizisten. Und weitere an anderen Stellen des Platzes. Etwas versteckt, aber bewaffnet und wachsam. Dennoch bekomme ich ein mulmiges Gefühl, als ich mit meiner Kollegin Ina Rottscheidt auf den Platz gehe.