Guatemala: Zu Besuch bei Beto und Pedronila

Beto und Pedronila, ein Ehepaar in der Region Santa Rosa de Lima/Guatemala (Foto: Thomas Broch)

Beto und Pedronila in ihrem kleinen Laden im Dorf San Juan Bosco (Foto: Thomas Broch)

Er ist 55 Jahre alt und heißt eigentlich José Alberto García, aber alle nennen ihn Beto. Das passt auch besser zu ihm. Seine Frau heißt Pedronila, aber sie wird in ihrem Dorf einfach Nila genannt, das klingt am Schönsten. Beide wohnen in San Juan Bosco, einem kleinen Dorf in der Provinz Santa Rosa im südlichen Guatemala, tief versteckt in der subtropischen Vegetation.

Beto und Pedronila haben einen Hof mit Hühnern, zwei großen Hähnen und einem süßen, kleinen, furchtbar ängstlichen Hund, der sich vor Fremden immer hinter Pedronila versteckt. Auf ihren Feldern bauen Beto und Pedronila Mais, Kartoffeln, Mango, Bananen und Kaffee an – wie all die Kleinbauern hier. Außerdem betreiben sie einen kleinen Laden, in dem es alles gibt. Selbst  lebendige Hühner laufen darin herum. Beto ist daneben auch noch Sicherheitsangestellter im örtlichen Stadion. Und morgens um fünf Uhr  wirft er seinen Dieselmotor an, der die Mühle antreibt, zu der die Frauen des Dorfes ihren Mais bringen, um dann den Teig für die Tortillas rechtzeitig wieder mit nach Hause zu nehmen.

Wir – Regina, Isabella und Thomas – haben Beto und Pedronila nach einem langen Nachmittag im Pfarrhaus von San Rafael das Flores kennengelernt, dem nahe gelegenen Städtchen. Wir haben dort Einwohner getroffen, die uns über ihr Leid mit der Mine Escobal geklagt haben, in der ein kanadisches Unternehmen am Berg über dem Ort Silber, Gold, Zinn und Blei abbaut. Sie erzählen, wie das Minenunternehmen bereits 2008, als die Planungen begonnen wurden, die Bewohner der Gegend falsch oder gar nicht informiert und belogen und betrogen hat. Wie ihre Umwelt zerstört und ihr Wasser kontaminiert wird und ihre Brunnen austrocknen. Arbeitsplätze habe man ihnen versprochen, aber lediglich 200 der fast 1000 Angestellten der Mine stammten aus der unmittelbaren Umgebung und müsste schwerste und schlecht bezahlte Tätigkeiten verrichten. Entwicklung ihrer Gemeinden habe man ihnen versprochen, aber nichts geschehe außer ein paar Vorzeigeprojekten. Die Menschen in den Dörfern würden gezielt gegeneinander ausgespielt, sagen sie, und der Zusammenhalt zerstört.

Sämtliche Bewohner der Gegend sind im Widerstand

In den Dörfern der Umgebung lehnen 98 Prozent die Mine ab, nur in San Rafael hat der Bürgermeister die Abstimmung darüber abgelehnt, jetzt wurde er abgewählt. Die friedlichen Proteste sind im Frühjahr 2013 gewaltsam durch den Sicherheitsdienst der Mine beendet worden; Agents provocateurs hätten die Eskalation herbeigeführt, heißt es. Es gab Tote und zahlreiche Verwundete. Einige der anwesenden Männer erzählen von ihren schweren Schussverletzungen und von schlechter, ja qualvoller Behandlung in der örtlichen Klinik. Aber sie setzen ihre Proteste fort. Die Manager der Mine werden diesen Berichten am nächsten Tag widersprechen – Aussagen stehen gegen Aussagen…

Am Abend nach diesen Berichten fahren wir auf der offenen Pritsche eines Pickup nach San Juan Bosco – unter einem Sternenhimmel, wunderschön. Einen ersten Halt mit gastfreundlicher Bewirtung gibt es auf einem kleinen Hof, wo sich die Sprecherinnen und Sprecher der verschiedenen Komitees aus der Widerstandsbewegung gegen die Mine eingefunden haben: vom Trinkwasserkomitee, vom Umweltkomitee, vom Komitee für die Erweiterung der Dorfkirche, und so weiter. Es ist ihnen wichtig zu betonen, dass sie friedlich sind. Sie seien keine Gewalttäter. Nein, das sind sie nicht. Sie sind auch keine Lügner. Sie kämpfen einfach um ihr Land, um ihre Würde, um die Zukunft ihrer Kinder. Sie sind zutiefst in ihrer kulturellen Identität verstört.
Dann geht’s ein paar Häuser weiter: Übernachten bei Pedro und Pedronilla. Ihre bescheidene Herzlichkeit ist wohltuend. Man möchte diese Menschen so gerne in ihrem in sich ruhenden Leben schützen.

Autor: Thomas Broch, Flüchtlingsbeauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Mayavölker in entlegenen Bergdörfern, Menschenrechtsorganisationen in der Hauptstadt, Protestinitiativen gegen ein Bergbau-Großprojekt – das sind die Stationen der Pressereise nach Guatemala, die Adveniat mit neun Journalisten verschiedener Medien unternommen hat. Ihre Berichte werden im Herbst veröffentlicht: im Deutschlandradio und im Kölner Domradio, in der Südwestpresse oder der Schwäbischen Zeitung. Kleine Anekdoten „vom Wegesrand“ erzählen die Journalisten vorab im Adveniat-Blog. Thomas Broch begleitete die Reise als Vertreter und Berichterstatter für die Diözese Rottenburg-Stuttgart,  wo Ende November die Adveniat-Jahresaktion 2015 eröffnet wird.