Haiti: Das Leben gemeinsam neu gestalten

Carrefour liegt etwa 20 Kilometer außerhalb der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. „Carrefour“ bedeutet Kreuzung, und wahrscheinlich war dies einmal die Kreuzung einer kleinen Straße mit der Küstenstraße von Port-au-Prince nach Süden.  Die Küstenstraße ist heute notorisch überfüllt, die Abwasserkanäle sind in den letzten beiden Jahren seit dem Erdbeben halbwegs wieder hergerichtet worden, doch überall liegt Unrat, schwimmt Abfall auf dem Wasser in diesen Abflüssen.

Für den Allradwagen kommt seine Bewährung erst, als es in Carrefour die Straße den Berg hinaufgeht. Kein Asphalt, tiefe Schlaglöcher und vom Regen ausgewaschene Rinnen gestalten die Fahrt zur Strapaze. Mehrfach müssen wir umkehren und andere Wege suchen, weil der Wagen nicht weiterkommt.

Pfarrer Michel Exalant lacht: Von hier aus gehe es noch weit den Berg hinauf, oft sei da für Autos gar nichts zu machen. Der Priester aus dem Sainte-Croix-Orden leitet die Pfarrei Guadalupe in Carrefour, und er kann das pastorale Leben nur gestalten, weil ihm etliche Laien zur Seite stehen.

Gemeinschaft-Koordinator Auguste Philippe

Gemeinschaft-Koordinator Auguste Philippe

8.000 Menschen zählt die Pfarrei, und neben der Pfarrkirche, einer umgebauten ehemaligen Brotfabrik, gibt es zwei Kapellen – und 17 kleine Gemeinschaften, die sich in ihren Sektoren treffen.

So wie die Gemeinschaft im Viertel „Sainte Thérèse“, noch einmal eine Viertel Stunde den Berg hinauf. Als wir an der zentralen Kreuzung des Viertels ankommen, sehen wir bereits die Gruppe von gut dreißig Gläubigen, die um einen Tisch herum in einer Seitenstraße Stühle aufgebaut haben. Autos kommen hier ohnehin nicht hin, und da sich das Leben zumeist auf der Straße abspielt, trifft sich auch die kleine Gemeinschaft von Sainte Thérèse draußen – eine Kapelle gibt es nicht, und kein Haus hier wäre so groß, dass alle hineingepasst hätten. Inmitten der Hütten und Häuser, die Plastiksäcke statt Fenster haben, beginnt nun der Wortgottesdienst mit dem Kreuzzeichen und einem Vaterunser. Philippe Auguste ist der Leiter der Gemeinschaft, und wie alle Koordinatoren der 17 Gruppen in der Pfarrei hat er dazu eine Ausbildung durchlaufen, die von der Erzdiözese Port-au-Prince durchgeführt werden.

Wort-Gottes-Feier im Viertel Sainte Therèse: Adveniat-Bischof-Franz-Josef Overbeck wird von den Haitianern begrüßt.

Andere in der Gruppe haben Bibelkurse absolviert, denn die Bibellektüre und die gemeinsame Auslegung der Schrift ist der zentrale Teil der Wort-Gottes-Feier. Die kreolischen Lieder ziehen weitere Gläubige an, so dass sich die Straße nach und nach füllt. Was das denn für Medikamente gewesen seien, die die Frauen zum Grab Jesu gebracht hätten, fragt ein Mann. Das Kreolische bietet nur wenige Worte für Salben oder ätherische Öle an, und so heißt es im Bibeltext, es seien „Medikamente“ gewesen. Gemeinsam werden die Verständnisfragen geklärt, dann geht es um die Frage, was die Sorge um die Toten und die Auferstehung für jeden hier bedeuten.

Viele geben ihre Meinung dazu, und alles mündet in Fürbitten, in denen jetzt die Bitten für die Toten mit einfließen.

Nach dem Schlussgebet stimmen die Menschen ein weiteres lautes, frohes Lied an: „Teilen, wir wollen teilen“. Auf dem Tisch liegen Früchte, Gebäck, Brot. Jeder hat etwas mitgebracht, und das Mitgebrachte wird geteilt und mündet in ein buntes Mahl. Eine Frau hat heute Geburtstag, ihr wird gratuliert, und zum Geburtstagsständchen tanzt sie mit einem älteren Mann. Alle geben ein kleines Opfer in die Kollekte, es ist nicht viel, aber jeder gibt, was er kann.

Während die Kinder noch auf den holzigen Zuckerrohrstengeln kauen, machen wir uns auf den Rückweg. Der Himmel ist dunkel, und der Regen lässt nicht lange auf sich warten. Sintflutartig stürzt das Wasser vom Himmel und reißt allen Müll mit sich. Kein Wunder, dass man hier so große Abwasserkanäle braucht.

Text und Fotos: Christian Frevel