Hilfe nicht nur in der Hauptstadt nötig

Die beiden Jesuiten P. Regino und P. David haben mir gestern erzählt, wie sie zwei Tage nach dem Erdbeben mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten nach Haiti gefahren sind. Sie waren nicht nur in Port-au-Prince und Umgebung, sondern auch in den  Departements des Nordens, wo sie mit den Bischöfen von Gonaives, Cap Haitien und Fort Liberté darüber sprachen, welche Hilfe für die Flüchtlinge am Notwendigsten ist und wie die Güter am Besten verteilt werden. (Fort Liberté veröffentlichte übrigens nur wenige Tage nach dem Erdbeben einen strukturierten Aktionsplan). Derzeit konzentriert Solidaridad Fronteriza seine Hilfe vor allem auf den Norden. „Unsere Region ist die, die am weitesten von der Hauptstadt entfernt liegt und von jeher vernachlässigt wurde,“ sagt Schwester Nidia aus Ouanaminthe. Sie arbeitet eng mit den dominikanischen Kollegen zusammen.

„Haiti ist nicht im Krieg!“

Den kirchlichen Mitarbeitern war gleich klar, dass die Verteilung der Hilfsgüter überall im Land mit den Menschen vor Ort vonstatten gehen muss – sie wurden und werden bis heute mit eingebunden. „Das geht dann Hand in Hand“. David lacht, wenn er an die Vorgehensweise der Amerikaner denkt: „wie die mit ihren Hubschraubern und in Tarnanzügen das Land überflogen haben und die Päckchen abgeworfen haben! Denken die, es gäbe hier überall Bin Ladens?“

Doch nicht nur an der eigenartigen „Verteilung“ der Hilfsgüter seitens der USA üben sie Kritik, sondern vor allem an der massiven Militärpräsenz, die aufgefahren wurde. „Haiti ist doch nicht im Krieg“, sagen Regino, David und ihr haitianischer Mitbruder Monestime. „Wir brauchen keine militärische „Hilfe“, sondern technische.“

Das Zauberwort: Dezentralisierung

Bevor ich in die dominkanisch-haitianische Grenzregion bei Dajabón und Ouanaminthe fuhr, dachte ich, dass es auch hier wie in Jimaní Hilfstransporte ohne Ende gäbe, dass auch hier die Grenze voller Helfer aus aller Welt sei. Weit gefehlt. In Ouanaminthe sieht man so gut wie keine internationale Hilfsorganisationen, die Hilfe wird unter Haitianern organisiert. „Die ausländische Hilfe konzentriert sich vor allem auf die Hauptstadt und ihre Umgebung“, sagt Regino. Dabei bräuchte das ganze Land Hilfe, vor allem weil schätzungsweise bisher mindestens 100.000 Menschen die Hauptstadt verlassen haben.

Wie die meisten Menschen, mit denen wir während der Reise über das Erdbeben und seine Folgen gesprochen haben, hofft Regino, dass Haiti dezentralisiert wird, dass die anderen Regionen des Landes entwickelt und gestärkt werden – auch politisch. Die Ministerien könnten etwa auf die verschiedenen Städte verteilt werden. Da das Land klein ist, gäbe es keine Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit und gemeinsame Treffen. Für Monestime muss die Dezentralisierung auch unbedingt unter Einbindung der Zivilgesellschaft eingehen.